Martin Pohlmann („DIE PARTEI“)im Interview: „Das habe ich niemals behauptet!“
Der Spitzenkandidat der PARTEI für Mitte im großen MOAZIN-Sommer-Interview über den Platz am Tresen, Angela Merkels Kartoffelsuppe und Schergen auf Pferden
Der Spitzenkandidat der PARTEI für Mitte im großen MOAZIN-Sommer-Interview über den Platz am Tresen, Angela Merkels Kartoffelsuppe und Schergen auf Pferden

Seit über 30 Jahren prägt Martin Pohlmann das Moabiter Kiezleben: Er half bei der Besetzung der Kulturfabrik und führt heute die Kiezkantine „Café Moab“ in der Lehrter Straße. Jetzt tritt er für „DIE PARTEI“ als Spitzenkandidat für das Amt des Bezirksbürgermeisters in Berlin-Mitte an. Ein buntes Potpourri aus Kneipenphilosophie, Mieten, Bundeswehr-Segelschiffen und der Rolle von Kartoffelsuppe in guter Politik.
Moazin: Martin, bevor wir ins Eingemachte gehen, lass uns kurz dein Moabit abstecken. Welcher Ort hier im Kiez liegt dir besonders am Herzen?
Martin Pohlmann: Der schönste Ort ist ganz klar die Kulturfabrik in der Lehrter Straße. Über 300 Quadratmeter Freiraum, eine alte Fabriketage, in der man seit den Neunzigern Kultur, Theater und Feiern ungestört verbinden kann, und der Sonnenaufgang, damals noch über dem Güterbahnhof.
Welcher ist deiner Meinung nach der hässlichste Ort im Kiez
Pohlmann: Die kalte, glattgeschleckte Europacity gleich nebenan. Ein starker Kontrast zum alten Moabit. Aber gut, das gehört später sowieso alles mir. Dann werde ich das wieder abreißen und vielleicht Wohnungen oder ein Schwimmbad hinbauen. Je nachdem, was die Menschen wollen.
Und die größte politische beziehungsweise soziale Baustelle?
Pohlmann: Die jahrelange Nicht-Sanierung wichtiger Soziokultur-Gebäude wie der Kufa, wo wir im Winter immer noch ohne Heizung auf der Etage sitzen und die verfehlte Mietenpolitik, die das Gewerbe und die Menschen aus dem Kiez verdrängt. Außerdem nerven mich die ganzen Autos in der Stadt, darum wird es mit mir ein Parkplatz-freies Berlin-Mitte geben.
Du bist vor rund 30 Jahren aus dem Münsterland nach Berlin gekommen.
Pohlmann: Ja, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.
Und dann bist du schnell in der Kulturfabrik gelandet. Was hat dich damals so gepackt?
Pohlmann: Ich habe am Küchentisch einer WG eine Frau getroffen, die in der Kufa arbeitete und Theaterwissenschaft studierte, genau wie ich an der FU. Sie meinte: „Komm doch einfach mal mit“. Das Faszinierende war dieser Freiraum: Eine komplette Fabriketage mit über 300 Quadratmetern, eine alte Ruine, wo man sein eigenes Ding machen konnte – Theater, Partys, einfach alles. Als Student wohnte ich damals mit Ofenheizung und Toilette auf halber Treppe. Im Winter musste ich erst Kohlen aus dem Keller holen. Ich bin dann schnell in die Küche gelaufen, um die Füße im Gasofen aufzuwärmen.
Später hast du das Café Moab übernommen. Wie kam es dazu?
Pohlmann: Meine damalige Partnerin hielt das für eine gute Idee. Ich war komplett dagegen, konnte mich aber nicht durchsetzen. Aber man muss dem Zufall eben auch eine Chance geben. Hinterher schaut man zurück und denkt: „War ja auch ganz spannend“.
Mittlerweile trittst du als Kandidat der PARTEI für das Amt der „Bezirksbürgermeisterin“ in Berlin-Mitte an. Was ist der Gag daran
Pohlmann: Ein Gag? Nein! Als ich vor einigen Wochen vor die internationale Presse trat und meine Kandidatur bekannt gab, fragten mich enge Freunde, warum ich das mache. Und es stimmt. Ich habe meinen eigenen Laden und könnte während der nächsten Pandemie oder dem nächsten Atomkrieg am Tresen sitzen, während die anderen Panik schieben. Aber ich verdanke dieser Stadt viel und möchte etwas zurückgeben. Nicht das ganze Geld, das ich kassiert habe, vielleicht ein Bier. Oder das Gefühl, dass im Rathaus jemand sitzt, der sich für ihre Probleme interessiert.
Das heißt aber im Endeffekt: Du willst dich auch wirklich für die Probleme einsetzen?
Pohlmann: Nein! Das habe ich nicht behauptet!
Sondern?
Pohlmann: Ich habe nicht gesagt, dass ich mich um die Probleme der Menschen kümmere. Ich habe gesagt, dass ich den Menschen das Gefühl geben möchte, dass im Rathaus jemand sitzt, der sich um ihre Probleme kümmert.
Gefühle sind das eine, aber ihr habt ja auch konkrete Forderungen. Auf eurer Website gibt es den Partei-O-Mat, der eure Haltung in einzelnen Sachfragen wiedergibt. Bei den einzelnen Fragen kann man sich auch immer die Begründung der PARTEI anschauen. Ein Beispiel: „Ja, Tempolimit schon – aber erst bei 330 km/h, um alle zufriedenzustellen“. Also, was denn nun?
Pohlmann: Diese Frage hat bestimmt ein passionierter Autofahrer aus Kreuzberg ausgefüllt. In der Partei tragen wir zwar den gleichen Anzug, sind aber selten der gleichen Meinung.
Klima ist vielen Berliner:innen wichtig. Was ist da eure Position?
Pohlmann: Wir bekennen uns ganz klar zum 180 Grad Ziel.
Was bedeutet das?
Pohlmann: Da müsste ich unseren klimapolitischen Sprecher fragen.
Den gibt es?
Pohlmann: Keine Ahnung. Also ich bin ja eher für die Symbolpolitik zuständig. Falls du da noch Fragen hast, kann ich gerne behilflich sein.
Die Partei trägt den Tierschutz wortwörtlich im Namen, welche Forderungen ergeben sich daraus für Berlin?
Pohlmann: Ich bin von Tieren umgeben: Auf meinem Balkon wohnen Tauben, vor der Tür Eichhörnchen, im Park begegne ich dem Fuchs und hinten haben wir eine Rattenfamilie. Ich werde mich außerdem dafür einsetzen, dass in ganz Berlin-Mitte keine einzige Schweinemastanlage mehr betrieben werden darf!
Was würdest du im Abgeordnetenhaus als Allererstes anpacken?
Pohlmann: Die Kantine! Ich habe von Bundestagsabgeordneten gehört, dass es dort nach 17 Uhr nichts mehr zu essen gebe und sie sich Stullen von zu Hause mitbringen müssen. Ich nehme an, dass es im Abgeordnetenhaus ähnlich ist. Wenn ich nichts zu essen bekomme, kriege ich schlechte Laune und mache schlechte Politik. Es braucht spätabends eine vernünftige Kartoffelsuppe!
Nach welchem Rezept?
Pohlmann: Also Frau Dr. Merkel zum Beispiel nimmt sehr viel Lauch, keine Möhren, gibt Senf dazu und nutzt einen Kartoffelstampfer. Ich nehme Möhren, lasse die Suppe stückig werden und nehme festkochende Kartoffeln. Eine ordentliche Kartoffelsuppe würde zu einer deutlich besseren Politik führen als diese weichgewordenen Brötchen mit vertrockneten Käsescheiben und einem traurigen Stück Gurke in der Mitte.
Hast du auch einen ernstzunehmenden Vorschlag?
Pohlmann: Absolut! Auch in den Schulen würde ich mich darum kümmern, dass die Kinder eine ordentliche Kartoffelsuppe kochen lernen.
Wie stehst du zu den Enteignungen, die deine Partei fordert?
Pohlmann: Das wird später mal alles mir gehören! Oder geht das als Bürgermeister nach der Enteignung nicht direkt in mein Privatvermögen über? Im Ernst: Der Volksentscheid ist gelaufen, fertige Gesetze liegen vor. Ich verstehe nicht, warum die anderen Parteien das nicht umsetzen. Ich würde in meinem Regierungszimmer sitzen, die Ergebnisse unterschreiben und zur Feier des Tages eine Flasche Sonnebräu aufmachen, unser Partei-Bier. So schwierig ist Regieren eigentlich nicht.
Ihr fordert auch Fünf Prozent günstigere Mieten bei Neuvermietungen. Wie soll das durchgesetzt werden?
Pohlmann: Ich unterschreibe eine Bulle und dann reiten meine Schergen durch die Stadt und schauen, dass es funktioniert! Oder ich treffe mich im Tennisclub mit meinen Kumpels aus der Immobilienbranche. Die verdienen genug Geld mit Krypto, die können bei den Mieten mal kürzer treten. Und wir führen ein Maximalvermögen von zehn Millionen Euro ein.
Und was passiert mit den abgegebenen Millionen?
Pohlmann: Davon lasse ich die U-Bahn vierspurig ausbauen.
Du hast dich einmal beklagt, dass die anderen Parteien sich immer mehr Inhalte bei euch abschauen?
Pohlmann: Wir haben schon vor Jahrzehnten eine Atombombe für Deutschland gefordert, jetzt erst springen die anderen Parteien auf diese Forderung auf, ähnlich wie mit der Dönerpreisbremse. Langsam wissen wir gar nicht mehr, was wir noch fordern sollen.
Die inhaltliche Übereinstimmung mit der Linken hast du auch für das schlechtere Wahlergebnis 2025 verantwortlich gemacht, was unterscheidet die beiden Parteien eigentlich noch?
Pohlmann: Das Bier! Wir haben unser eigenes Bier. Ich war neulich auf einer Veranstaltung der Linken auf dem Grünstreifen. Da gab es zwar auch Bier, aber nicht mit dem Gesicht der Spitzenkandidatin drauf.
Machst du Haustürwahlkampf?
Pohlmann: Haustürwahlkampf? Nein, das habe ich mal probiert. Die ganzen Treppen hoch und runter – nein, danke.
Wie stehst du zur Wehrpflicht und Landesverteidigung?
Pohlmann: Eine Verteidigungsbereitschaft werden wir mit dieser Generation nicht erzielen können, Wehrpflicht hin oder her. Deswegen würde ich das outsourcen, zum Beispiel an die Ukraine. Was haben wir denn aktuell? Das Segelschulschiff Gorch Fock. Die Sanierung hat über 100 Millionen Euro gekostet. Wir könnten mit dem Sondervermögen eine ganze Armada von Segelschiffen bereitstellen und damit in der Ostsee kreuzen, bis Putin sich ergibt. Das klingt nach einem Plan.
Wenn du „DIE PARTEI“ in einem Satz zusammenfassen müsstest...
Pohlmann: Die Partei ist sehr gut.
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