Das Tosk Gegë: Vom Drogenumschlagplatz zum kulinarischen Highlight
Früher stürmten Polizisten in den Laden, heute gilt er als Treffpunkt für alle, die die albanische Kultur kennenlernen und mit Menschen zusammenkommen wollen.
Früher stürmten Polizisten in den Laden, heute gilt er als Treffpunkt für alle, die die albanische Kultur kennenlernen und mit Menschen zusammenkommen wollen.

Noch vor einem Jahr war der Raum in der Perleberger 5 lila gestrichen, es roch nach Zigarettenqualm und Staub bedeckte die Einrichtung. Einige Jahre zuvor hatte es hier eine Razzia gegeben, die noch ihre Spuren zeigte. So lernten Leyla und Flamour Bektashi den Laden kennen, der nun das Tosk Gegë ist. Heute sind die Wände sauber und mit aufwändigen Bildern bemalt, im Fenster stehen Bücher von Karl Marx über den Geographieatlas von Albanien bis hin zum Grundgesetz und in einer Ecke thront ein imposantes Klavier. Das Tosk Gegë ist fast immer voller Menschen. Wie haben die beiden all das geschafft?
Flamour hat fast die gesamte Einrichtung selbst gebaut. Nur die Tische hat ihnen ein Bekannter geschenkt. Damit die Gäste aber dichter beieinander sitzen, hat Flamour sie extra schmaler gemacht. So lässt sich auch das Essen leichter teilen. Die Oberflächen der Tische sind mit Bildern von Häkeltischdecken bemalt. In der albanischen Tradition liegen diese oft unter wertvollen Gegenständen.
Bei der ersten Besichtigung konnte Leyla sich nicht vorstellen, dass das Restaurant einmal so schön würde, sagt sie heute. Sie fand, dass die Räumlichkeiten eher aussahen wie eine "Männerkneipe" – kleine Fenster, abschreckend und ein wenig versteckt. Wer würde da schon hingehen? Im Balkan sind Restaurants offen und einladend, sagt Leyla.
Flamour hingegen lief gleich aufgeregt durch die Räume. Er entdeckte eine Kellerklappe und verschwand für einige Zeit. Als er wieder auftauchte, schien er gleichzeitig sprechen und lachen zu wollen. ”Der Ort ist perfekt”, sagte er. Er wollte hier die albanische Kultur ansiedeln, in der Menschen sich begegnen können. Sie stimmten dem Mietvertrag zu.
Über dem Eingang zur Küche sind ein Laib Brot und ein Salzstreuer gemalt. Ein Herz leuchtet dazwischen. Darin steht das albanische Sprichwort: bukë, kripë dhe zemër, was Brot, Salz und Herz bedeutet. Man braucht nicht viel, um zufrieden zu sein. Und das ist auch die Philosophie der Küche: Die Menschen darin würzen, von Flamour angeleitet, nur mit Salz und Pfeffer.
Einfach war es trotzdem nicht. Schon während den Renovierungsarbeiten stürmten 40 Polizist:innen den Laden. Das Geschäft war vorher ein Drogenumschlagplatz gewesen. Flamour versuchte, seine Frau zu erreichen, weil sein Deutsch noch nicht gut genug war, um zu erklären, was hier passierte. Aber als die Polizei verstand, dass hier einfach nur ein neues Restaurant aufmachen sollte, gaben sie Flamour ihre Karte. Bei Problemen solle er sich melden.
Der Überraschungsbesuch der Polizei und die Vergangenheit des Ladens boten nicht das beste Omen. Auch dass die Perleberger selbst zu der Zeit vor allem eine Baustelle, aber nicht unbedingt ein Ort der Begegnung war, machte Leyla Sorgen.
Aber Flamour hatte einen Plan. Er wollte es mit dem Tosk Gegë anders machen als die vielen Albaner in Berlin, die Restaurants betreiben. Die meisten eröffnen nämlich italienische Restaurants. Die wenigen wirklich albanischen Läden, meint Flamour, transportierten die albanische Kultur nicht angemessen. Im Balkan finde man immer jemanden, der spontan Lust hat, Kaffee zu trinken. Dort gehen die Menschen ins Restaurant, um andere zu treffen und Essen zu teilen. Und natürlich, um Raki zu trinken. Das soll es nun auch hier geben. Das ist auch der Grund, warum es hier vor allem kleine Gerichte gibt. Man soll sie teilen.
Der Name des Restaurants meint auch genau das. Tosk Gegë soll für die albanische Kultur als Ganzes stehen und zeigen, dass Menschen hier zusammenkommen können. Tosk ist die Bezeichnung für den süd-albanischen und Gegë die für den nord-albanischen Dialekt. So hat sich mittlerweile auch eine Stammkundschaft entwickelt. Und das obwohl die beiden keine Werbung gemacht haben. Die meisten kommen auf Empfehlung von Nachbar:innen. Viele von ihnen haben albanische Wurzeln und teilweise eigene Restaurants. Es kommen aber auch viele Menschen ohne Verbindung zu Albanien und lassen sich auf das Konzept ein. So ist das Menü auch eine Fusion aus traditioneller albanischer und deutscher Küche. Das beste Gericht ist aber der Börek mit Schafskäse - klassisch albanisch.
Auch die Beziehung zu den Nachbar:innen haben Layla und Flamour früh aufgebaut: So war es eine ehemalige Nachbarin, die Leyla und Flamour das Klavier überließ, an dem nun regelmäßig Konzerte stattfinden. Lange hatte sie in ihrer Wohnung gelebt und wollte nun umziehen. Das Klavier sollte eigentlich an einen anderen Nachbarn gehen, weil es zu teuer gewesen wäre, das Instrument mitzunehmen. Dieser Nachbar kam aber regelmäßig ins Tosk Gegë, um die Renovierungsarbeiten zu beobachten. Er freundete sich mit Flamour an, der ihm anbot, dabei zu helfen, das Klavier aus dem fünften Stock im Hinterhaus in seine Wohnung im Vorderhaus zu tragen. Doch das Teil war so schwer, dass sie beschlossen, es nicht wieder die Treppen rauf zu tragen und es im Restaurant stehen zu lassen.
Da wartet es nun darauf, für die deutschen und albanischen Gäste, für die Nachbar:innen und diejenigen, die von weiter herkommen, gespielt zu werden. An dem Ort, wo die Menschen zusammenkommen, über Essen, Musik und der Gastfreundschaft von Leyla und Flamour.
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