Crack und Heroin in Moabit. So arbeitet die Birkenstube

Stullen, Kaffee und Drogen. Im Konsumraum in der Birkenstraße gibt es das alles. Warum die Arbeit mit Süchtigen so wichtig ist.

Crack und Heroin in Moabit. So arbeitet die Birkenstube
Foto: Katrin Fischer
Foto: Katrin Fischer

Auf dem Bürgersteig vor der Birkenstraße 51 ist einiges los. Menschen warten darauf, sich in der Birkenstube einen Schuss Heroin zu setzen oder in Ruhe eine Pfeife Crack zu rauchen. Kaffee, Stullen und eine Möglichkeit zum Reden gibt es dort auch. 

Die Birkenstube ist ein Konsumraum und dient als Unterstützung für drogengebrauchende Menschen. In der Kontaktstelle gibt es 20 Mitarbeiter:innen. Hier arbeiten Sozialarbeiter:innen, Medizinisches- und Pflege sowie Sicherheitspersonal. Neben den Konsummöglichkeiten gibt es zwei Aufenthaltsräume mit Sofas, Stühlen und einem Computer. Zudem können die Klient:innen der Birkenstube dort duschen, ihre Kleidung waschen und trocknen. Im Eingangsbereich steht ein Kneipentresen.

Die Institution wurde vor 21 Jahren als erster Konsumraum in Berlin gegründet. Insgesamt gibt es bis heute nur 30 Konsumräume in ganz Deutschland, davon keinen im Osten. Marie Weidauer, gelernte medizinische Fachkraft, leitet den Pflegedienst der Einrichtung und Auguste Reppe ist gelernte Sozialarbeiterin und zuständig für die zwei Drogenkonsumräume von Vista. 

MOAZIN: Wie funktioniert der  Konsum in Ihrer Einrichtung? 
Reppe und Weidauer:
Zuerst muss man sich bei uns anmelden. Wir erfragen bei der Anmeldung einerseits statistische Daten zur Person, erklären die Hausordnung und wie jemand namentlich angesprochen werden möchte.

Warum ist das wichtig?
So können wir Besuche nachvollziehen und haben einen Überblick darüber, wer unser Angebot nutzt. Gerade weil es freiwillig und niedrigschwellig ist, hilft uns das dabei, Beziehungen aufzubauen und Menschen über einen längeren Zeitraum begleiten zu können.

Was, wenn diese Menschen plötzlich nicht mehr kommen?
Dann machen wir uns natürlich Gedanken. Manchmal fragen wir herum, ob jemand etwas von dem:der „verschwundenen“ Klient:in weiß. Wir hoffen, dass nichts Schlimmes passiert ist, aber vielleicht ist er oder sie einfach umgezogen oder besucht einen Kumpel in einer anderen Stadt. Bei unserem offenen, niedrigschwelligen Angebot gehört es nun mal dazu, dass Menschen kommen und gehen, wann sie wollen. Das ist ja auch gut so. 

Was passiert nach der Anmeldung?
Nach der Anmeldung entscheiden die Menschen, ob sie in den medizinischen, den intravenösen oder den Rauchraum gehen möchten. 

Was ist der Unterschied?
Im Rauchraum gibt es ein paar Sitzgelegenheiten. Unsere Klient:innen sind dort alleine, ohne eine Aufsicht durch Mitarbeitende. Konsumieren die Klient:innen Crack, werden sie nach dem Konsum körperlich aktiv. Der Rausch dauert dann etwa zwei bis zehn Minuten an. Danach beginnt sofort das Craving, also das Verlangen nach dem nächsten Konsum. Im Rauchraum ist es daher immer recht lebendig. 

Was passiert im intravenösen Raum?
Hier kann man Heroin konsumieren. Es gibt sechs Spritzplätze und der Konsum wird immer von einer Fachkraft begleitet, die mit im Raum sitzt. Der Körper der Konsument:innen fährt beim Konsum herunter, sie werden ruhig. Der Rausch hält für mehrere Stunden an. 

Warum gibt es hier eine Aufsicht und im Rauchraum nicht?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen geht es darum, im Notfall für die Klient:innen da zu sein und schnell handeln zu können, da die Gefahr einer Überdosis relativ groß ist. Dann kann es dazu kommen, dass die Atmung aussetzt. Wenn wir also merken, dass eine Person nicht mehr atmet oder blau anläuft, müssen wir schnell reagieren. 

Was tun Sie dann?
Wir verabreichen Naloxon – ein Nasenspray, das nach der Anwendung innerhalb von Sekunden die Atmung wieder aktiviert. Der Nachteil ist, dass die Klient:innen dann schlagartig und unfreiwillig nüchtern sind, weil das Opioid nicht mehr im Körper bei den Rezeptoren andocken und wirken kann. Das Überleben steht natürlich über allem, aber die Stimmung ist nach so einem Eingriff verständlicherweise ziemlich angespannt. Zum Glück beobachten wir solche Notfälle derzeit sehr selten. 

Was ist der andere Grund für Ihre Anwesenheit im intravenösen Raum?
Auf Heroin haben die Konsument:innen in den Stunden nach dem Konsum ein Sättigungsgefühl. Sind die Menschen zufrieden und entspannt, können wir gut mit ihnen arbeiten, also Beziehungsarbeit leisten. Wir versuchen also, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wir hören vor allem zu. Diese Gespräche sind oft der erste Schritt, um Vertrauen aufzubauen. Genau dieses Vertrauen ist die Grundlage dafür, gemeinsam weitere Hilfsangebote zu besprechen – sei es eine medizinische Versorgung, eine Beratung oder langfristig auch eine Therapie beziehungsweise Substitution. 

Wozu dient der medizinische Raum?
Das Team besteht neben Sozialarbeiter:innen aus medizinischem Personal wie Gesundheits- und Krankenpfleger:innen. Einmal pro Woche kommt auch eine Ärztin zu uns. Den medizinischen Raum nutzen wir für Impfungen oder zum Versorgen offener Wunden. Viele unserer Klient:innen haben keinen regelmäßigen Zugang zum Gesundheitssystem. Umso wichtiger ist es, kleinere gesundheitliche Probleme zu behandeln, bevor sie sich verschlimmern.

Ihr Tresen erinnert an eine Eckkneipe. Können Ihre Klient:innen hier auch Alkohol trinken?
Nein. Früher war hier drin eine Kneipe. Heute gibt es hier keinen Alkohol mehr, sondern Eistee, Kaffee und Wasser. Nicht alle Getränke sind komplett kostenlos, aber falls jemand kein Geld dabei hat, wird ihm der Kaffee trotzdem nicht verwehrt. Ich frage meistens einfach: „Haste was, was klimpert?“ 

Gibt es bei Ihnen auch etwas zu Essen?
Wenn wir Zeit haben, versuchen wir immer Snacks oder eine warme Mahlzeit anzubieten. Zudem erhalten wir regelmäßig Lieferungen von der Tafel. Das hilft! Am Tresen können unsere Klient:innen außerdem saubere Spritzen, Kanülen, Kondome, Feuerzeuge oder Zahnbürsten bekommen. Das Equipment ist komplett kostenlos.

Was sind die  Ziele Ihrer Arbeit?
Zuerst geht es um Infektionsvermeidung. Menschen sollen sich nicht mit schweren Krankheiten anstecken, weil sie zum Beispiel dreckige Spritzen verwenden. Bei uns bekommen die Klient:innen sauberes Material. Das schützt unsere Klient:innen davor, sich Infektionskrankheiten oder andere gesundheitliche Komplikationen einzufangen. Und diese Präventionsarbeit entlastet natürlich unser Gesundheitssystem, weil schwere Erkrankungen und Notfälle verhindert werden können. Aber es gibt weitere Ziele.

Welche sind das?
Wir haben auch eine ordnungspolitische Aufgabe. Das bedeutet, dass wir durch unser Angebot Menschen zum Konsumieren von der Straße holen. Sie müssen nicht in Hauseingängen, Parks oder auf Spielplätzen konsumieren, sondern können dies in einem geschützten Rahmen tun. Damit entlasten wir den öffentlichen Raum und tragen zu einem besseren Miteinander im Kiez bei. Gleichzeitig verstehen wir uns als akzeptierender Träger. Das bedeutet, dass wir Menschen unterstützen, ohne von ihnen zu verlangen. Dass sie zum Beispiel bereits abstinent oder clean sind. Wir begleiten sie unabhängig davon, an welchem Punkt sie gerade stehen. 

Wie funktioniert das?
Wir zeigen ihnen Optionen auf, wie sie aus der Sucht herauskommen und sozialpädagogisch, therapeutisch oder klinisch angebunden werden können. Die Menschen entscheiden dabei selbst, welche Schritte sie gehen möchten und wann der richtige Zeitpunkt dafür ist. Unsere Aufgabe ist es, Möglichkeiten aufzuzeigen, zu begleiten und zu unterstützen. Nicht zu drängen. 

Wie viele Menschen kommen zu Ihnen?
Über den Tag verteilt kommen bis zu hundert Menschen zu uns. In unseren Räumen können sich gleichzeitig zehn bis fünfzehn Menschen aufhalten. Je nach Jahreszeit schwankt die Zahl der Klient:innen stark. Der letzte Winter war so kalt, dass unsere Räume immer sehr voll waren. 

Wer nimmt Ihr Angebot wahr?
Unsere Klient:innen kommen aus ganz Berlin und auch von außerhalb. Es werden sehr viele Sprachen gesprochen. Die Menschen leben überwiegend auf der Straße. Das sind also Leute, die sonst in der Öffentlichkeit konsumieren würden.

Richten Sie sich also nur an Obdachlose?
Wir haben auch Gäste, die ein Zuhause haben und zu uns kommen, weil sie zum Beispiel nicht vor ihrer Frau konsumieren wollen. Unsere Klient:innen haben ganz unterschiedliche Lebensgeschichten. Was sie verbindet, ist, dass sie einen Ort brauchen, an dem sie sicher konsumieren können und mit Respekt behandelt werden. Die Klient:innen sagen häufig zu uns, dass sie hier in der Einrichtung als Menschen wahrgenommen werden – also jemand, der trotz Konsum normale Bedürfnisse und Wünsche hat.   

Kommen gleich viele Männer wie Frauen zu Ihnen?
Ich schätze, dass wir etwa 80 Prozent männlich gelesener Klienten bei uns begrüßen. Frauen* kommen deutlich seltener. 

Woran liegt das?
Wohnungslose Frauen* sind im öffentlichen Raum generell weniger sichtbar als Männer. Viele versuchen zunächst, bei Bekannten unterzukommen, bevor sie vollständig obdachlos werden. Gleichzeitig ist das Leben auf der Straße für Frauen* deutlich unsicherer als für Männer. Damit Frauen* sich in Schutzräumen wie unserem sicher fühlen, wäre ein frauenspezifisches Angebot sinnvoll. 

Wie könnte das aussehen?
Frauen* profitieren von geschützten Angeboten, die auf ihre Lebensrealität zugeschnitten sind. Etwa von festen Öffnungszeiten nur für Frauen*, einem geschützten Rückzugsraum oder speziellen Beratungsangeboten. So kann ein Rahmen entstehen, in dem sie sich sicher fühlen, Vertrauen aufbauen und Unterstützung leichter annehmen können.

Wie kommt Ihre Einrichtung bei den Nachbar:innen an?
Der Sozialraum hat sich an uns gewöhnt. Das hat aber seine Zeit gedauert. Wenn in einer Nachbarschaft ein Drogenkonsumraum eröffnet, ist es ganz normal, dass zunächst Fragen oder Sorgen entstehen. Diese nehmen wir sehr ernst. Deshalb setzen wir von Anfang an auf einen offenen und ehrlichen Austausch mit den Menschen im Kiez. Uns ist klar, dass das gute Miteinander in der Nachbarschaft ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist. Wir versuchen unserer Nachbarschaft ein gutes Gefühl zu geben. 

Wie machen Sie das?
Wir bieten zum Beispiel an, dass Menschen uns anrufen können, wenn sie eine Spritze herumliegen sehen. Mitarbeiter:innen von uns gehen dann mit stichsicheren Handschuhen los und holen die Spritze ab. Alle Menschen, die Fragen zu unserer Arbeit haben, können jederzeit anrufen oder vorbeikommen, um mit uns zu sprechen.

Und woran merken Sie, dass die Anwohner:innen sich an Sie gewöhnt haben?
Die Kita von gegenüber bringt zum Beispiel manchmal übrig gebliebenes Mittagessen zu uns rüber, was wir dann an unsere Klient:innen ausgeben können. Eine ältere Dame spendet gelegentlich Klamotten, wenn sie ihren Kleiderschrank ausmistet. Wir erleben immer wieder, dass Nachbar:innen unsere Arbeit unterstützen oder den direkten Austausch suchen. Das freut uns sehr, denn wir verstehen uns als Teil der Nachbarschaft und möchten dazu beitragen, dass sich alle Menschen im Kiez wohlfühlen können. 

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