Der Fritz-Schloß-Park oder der Mann mit den nackten Waden

Stets im Wandel, nie gleich. Der Fritz-Schloß-Park präsentiert sich in stets neuem Gewand. Vor allem jenen, die hinschauen.

Der Fritz-Schloß-Park oder der Mann mit den nackten Waden
Foto: Mareili von Lampe

Jeden Morgen gehe ich vor dem Frühstück eine Runde durch unseren Schlosspark. Das dauert etwa eine halbe Stunde und es sind ziemlich genau 3640 Schritte.  

Bewegung am Morgen brauche ich für eine gute Stimmung den Tag hindurch.  

Eigentlich heißt unser Park Fritz-Schloß-Park, nach irgendeinem Kommunalpolitiker in der Nachkriegszeit. Der hatte auf den Häuserschutt, der hier abgeladen worden war, Erde schütten lassen und so einen Park geschaffen. Aber diesen Politiker kennt heute keiner mehr und darum ist der Park für die Menschen in Moabit ein Schlosspark, herrlich, herrschaftlich und bunt.  

So bunt, dass man nie weiß, was man erlebt, wenn man hier spazieren geht. Da war zum Beispiel dieser Mann mit den nackten Waden und der Mütze. Ein stattlicher Mann, 40 bis 50 Jahre alt. Kräftig war er gebaut und offensichtlich gut genug abgehärtet, um dem Winterwetter zu trotzen. Er schien immer da zu sein, denn egal ob ich früher oder etwas später losging – immer begegneten wir uns. Als ich ihn das erste Mal sah, erstaunten mich vor allem die nackten Waden, denn es war ziemlich kalt. Aber als es dann immer wärmer wurde, verwunderte mich eher, dass er trotz der zunehmenden Hitze eine Mütze trug. Nie schien er zu wissen, ob jetzt Sommer oder Winter war. Der Grund war wohl ein sehr viel düsterer.

Am Morgen ist der Park ruhig und entspannt. Da ist er für freundliche Menschen reserviert, die sich gegenseitig mit einem sonnigen "guten Morgen" grüßen. Man kennt sich. Da sind die Jogger in Sportkleidung mit ihrem gleichmäßigen Trab-trab-trab. Sie stoppen ihre Zeit mithilfe eines Handys, das sie in der Hand tragen oder am Oberarm befestigt und sind in Windeseile an mir vorbei, denn ich gehe ja nur.  

Auch die Hunde und ihre Besitzer sind freundliche Erscheinungen im Park.  

Selten erlebt man Leute mit laut klappernden Walking-Stöcken. Die blicken meist verbissen drein und grüßen nicht. Und nach wenigen Tagen sind sie auch wieder verschwunden.  

Die Geräusche ändern sich für die Moabiter im Mai. Da erklingt der ganze Park von Vogelstimmen. Vor allem der Gesang der Nachtigallen und der Amseln überrascht jedes Jahr von Neuem. Und es blüht überall.  

Und ich freue mich auch immer über die vielen Brennnesseln, die immer mehr stehen gelassen werden. Nicht nur wegen der Insekten. Sie erinnern mich an die Nachkriegszeit, als man in ihnen nicht nur Unkraut sah, sondern eine köstliche Gabe, die besonders zubereitet den Hunger stillen konnte. Dazu musste ich als Kind sie immer tief unten anfassen und dann ganz schnell fest zudrücken, damit es nicht weh tat. 

Der Mann mit den nackten Waden und der Mütze kam mir meistens an der gleichen Stelle am Ende des Parks entgegen. Er joggte nicht, wie die anderen in seinem Alter, sondern ging mit gleichmäßigem Schritt. Ich umkreiste den Park immer gegen den Uhrzeigersinn, er mit ihm. Er war groß und schlank. Ich fragte mich, was für einen Beruf er haben könnte. Immerhin war es erstaunlich, dass er nicht in einen Arbeitsprozess eingebunden zu sein schien. Oder doch? Etwa ein Polizist, der dezent den Park kontrollierte? Immer wieder gab es Zeiten, in denen er verschwunden war. Aber nach ein paar Wochen tauchte er plötzlich wieder auf und wir nickten uns freundlich zu.  

Einmal, einige Monate nach unserer ersten Begegnung, trafen wir gleichzeitig am Eingang des Parks aufeinander. Wir „kannten“ uns ja bereits und so schien es an der Zeit, ein paar Worte miteinander zu wechseln, bevor wir unsere gegenläufigen Runden drehten. Der Mann mit den nackten Waden und der Mütze wirkte müder als sonst, ein wenig blass war er und trug dunkle Ringe unter den Augen. Etwas nachdenklich sagte er, er sei Frührentner und würde versuchen, durch die vielen Parkrunden täglich etwas für seine Gesundheit zu tun.  

Auf einmal dämmerte es mir. Die Mütze auf nackter Haut. Und ich ahnte, aufgrund welcher persönlichen Katastrophe, welcher endgültigen Krankheit, ein so junger, lebendig aussehender Mann frühpensioniert sein könnte.  

Ich sah ihn dann noch einige Wochen. Dann nie wieder.  

Der Fritz-Schloß-Park ist stets im Wandel. Mal blühen diese Blumen, mal jene. Mal rascheln die dichten Kronen der Bäume und mal blicken sie kahl und stumm auf uns Spaziergänger herab. Auch ich ging einmal schnelleren Schrittes hier durch, die 3640 Schritte schaffte ich in 25 Minuten. Und so ist der Park stets ein anderer, schon weil wir stets andere sind. Und wer weiß, vielleicht schafft es der Mann mit den nackten Waden ja eines Tages doch nochmal hierher. 

Folge uns auf Instagram und Faceboook und abonnier auch gern den Newsletter, über den wir einmal im Monat News und Events aus und in Moabit teilen. Und wenn du selbst bei uns mitmachen möchtest: Gern! Komm einfach zu einem unserer regelmäßigen Treffen.

Klasse! Sie haben sich erfolgreich angemeldet.

Willkommen zurück! Sie haben sich erfolgreich angemeldet.

Sie haben sich erfolgreich für moazin angemeldet.

Erfolg! Überprüfen Sie Ihre E-Mail auf den magischen Link zum Anmelden.

Erfolg! Ihre Rechnungsinformationen wurden aktualisiert.

Ihre Abrechnung wurde nicht aktualisiert.

Jetzt anmelden zum Newsletter! Newsletter abonnieren