Attack of the Killer-Spinner! Eine fiktionale Reportage

Sie lauern in Berliner Grünanlagen, attackieren hilflose Omas, Parkbankschläfer und Kinder. Die Eichenprozessionsspinner, auch bekannt unter ihrem Gang- und Sprühernamen EPS. Wir haben mit verschiedenen fiktiven Moabitern gesprochen: Wie verbringen sie ihren Alltag in Zeiten des Ausnahmezustands?

Attack of the Killer-Spinner! Eine fiktionale Reportage
Foto: Privat

Als der kleine Junge an mir vorbeirennt, mit Wahnsinn in den Augen und bewaffnet, um zu morden, hatte ich die Hoffnung bereits aufgegeben. Nun flammt sie wieder auf, und das, als es scheint, als sei Moabit dem Untergang geweiht. Denn ein Insekt zerfrisst uns den Sommer, nimmt uns nicht nur die Freude am Draußen, sondern auch die Luft zum Atmen.

Der Eichenprozessionsspinner - Eine Raupe, ein Monster. Er besiedelt vor allem Eichenbäume. Seine Brennhaare lösen allergische Reaktionen aus: Juckreiz oder Hautrötung, Quaddeln oder Ausschlag, Augenreizung, Bindehautentzündung, Reizhusten oder Atembeschwerden. Die Spinner sind überall. Charlottenburg-Wilmersdorf, Treptow-Köpenick, Steglitz-Zehlendorf und Spandau sind laut der Berliner Morgenpost besonders betroffen. Auch Moabit wird von ihnen geflutet, als wären sie die nächste Gentrifizierungswelle.

Überall wo Bäume stehen, lauern sie. Im kleinen und im großen Tiergarten, in Hinter- und Schulhöfen und auf manchem Balkon. Das bundesweite Meldeportal zeigt einige Hood-Hotspots: Alleine rund um Beussel- und Arminiuskiez gibt es aktuell 25 Meldungen. 

Drama am Badesee

Ich will herausfinden, wie groß das Leid ist, das Moabit befallen hat. Wie brutal uns der Eichenprozessionsspinner den Sommer raubt. Also suche ich nach den Opfern der Umwelt-, Gesundheits- und Sommerkrise. Die Reise beginnt weit im Norden, im Feindbezirk Wedding, und endet im Süden Moabits. Ich suche die Orte ab, die den Sommer für uns Moabiter erst lebenswert machen: Den Badesee, die Kneipe, den Park und den Spielplatz, auf dem man an guten Tagen ein paar Radler trinkt, während sich die Kinder prügeln. Doch die Harmonie ist verflogen. Mich erwartet eine Odyssee durch einige Höllenkreise des Eichenprozessionsspinners.

Strandbad Plötzensee. Hier sucht auch das gute Volk aus Moabit Ruhe und Entspannung. Ich gehe in den FKK-Bereich, wo die Menschen der Bestie schutzlos ausgeliefert sind und treffe Boris. Gerade noch fuchtelte er scheinbar unkoordiniert mit den Armen herum, jetzt starrt er auf seinen feuerroten Hodensack, während Beate, seine Ehefrau, diesen mit Wundsalbe einreibt. Sein Bier ist umgekippt. Dem Anschein nach war es nicht sein erstes. Er halluziniert offenbar, sieht überall todbringende Fäden und krabbelnde Raupen und bemerkt dabei nicht, wie sein Getränk verschwindet wie Brennhaare in der Lunge eines röchelnden Chihuahuas. Edelstes Schultheiss versickert im Sand des Freibads.

Boris’ Körper ist voller Ausschlag, er hustet und kotzt (vom Bier). “Haut ab, haut ab!”, schreit er. „Erst die Chlamydien aus Thailand, dann das Nackensteak nach Malle – und jetzt das?“, eine Träne kullert dem FKK-Fan die Wange hinunter und stürzt sich auf seinen nackten Bierbauch. Er kann sich kaum halten, wälzt sich im Sand hin und her. Sein vor Creme glänzendes Glied  erinnert mittlerweile an einen der Sandwürmer aus Dune (im Miniaturformat). 

Der Reporter recherchiert oder so. Foto: Privat

Hintergründe für Erwachsene

Im Krieg gegen die Invasoren brennen Fachfirmen die Tiere von den Bäumen. Im Fachjargon werden sie “weggeflammt”. Diese Praxis ist umstritten. So erklärt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) beim Abflammen könnten die Bäume geschädigt werden. Außerdem verteilen sich die Brennhaare beim Abfackeln noch mehr. Besser sei das Absaugen mit speziellen Geräten. Für die Ausbreitung der EPS sei außerdem der Klimawandel verantwortlich, für den, wie Boris mit letzter Luft behauptet, niemand etwas kann. 

Mittlerweile haben die zwölf Bezirke Berlins den Senat in einem Brandbrief aufgefordert, “mehr Geld, bessere Koordination und konkrete Unterstützung” bereitzustellen. Dies berichtet rbb24 in einem Beitrag auf Instagram, in dem Oliver Schruoffenegger von den Grünen ein Krisentreffen mit dem Senat als "anderthalb Stunden verlorene Lebenszeit" bezeichnet.  Und auch Beate bittet mich bald, sie und Boris nicht weiter zu stören – von den Grünen wollen die beiden nichts wissen. “Die hasse ich noch mehr als die Prozessionsspinner”, flüstert Boris mit leerem Blick, bevor er ohnmächtig wird. Beate nickt bestimmt, während sie ihren Ehemann in die stabile Seitenlage hievt.

Der Prozessionsspinner im Klassenkampf

Ich verlasse das Strandbad und gehe in die Kneipe Zur Quelle. Der Safe-Space aller Moabiter, wo sie Sorgen und Nöte vergessen. Direkt gegenüber vom Kleinen Tiergarten kennt man hier das Problem, zieht schließlich schon seit Jahrzehnten giftige Stoffe in die Lunge. Ich bestelle ein Herrengedeck. Das Publikum ist gemischt wie immer: Einige Studierende, eine Gruppe Hemdträger der Jungen Union, ein älterer Herr, der die Zeit liest. Im hinteren Raum schlafen einige Gäste mit dem Kopf auf dem Tisch.

Aus der Gruppe der Studierenden sticht ein junger Mann heraus. Er hat mächtig Aura: Schiebermütze auf dem Kopf, Ziegenbart am Kinn, raucht eine filterlose selbstgedrehte Zigarette (Schwarzer Krauser). „Sei gegrüßt Genosse!“, sagt er. „Ja, die Eichenprozessionsspinner...“ Er macht eine Pause und fügt nach sechs, sieben Sekunden hinzu: „Es ist noch mehr Agitation nötig, damit sie ihre Aggression gegen die Klasse richten, die sie unterdrückt. Es kann die Befreiung der Prozessionsspinner nur das Werk der Prozessionsspinner sein!“. Der Zeit-Leser starrt schon länger mit verkniffenen Augen zu uns herüber, hat den Politikteil dabei offen vor sich liegen, während er Schluck für Schluck sein Radler wegarbeitet. Immer wieder schnaubt er so laut, dass wir es hören können. Plötzlich brüllt er: „Red' doch keine Scheiße! EPS ist eine biologische Kriegswaffe Putins! Du Russlandknecht!”, und schwingt wütend seine Zeitung. Der junge Lenin schreit zurück: „Der Feind steht im eigenen Land du Imperialistenschwein!“

Die Studierenden stellen sich schützend vor den linken Agitator. Die Aktivisten der Jungen Union unterbrechen ihre Stimmübungen. Nach der vierten Runde Doppelkorn waren sie gerade dabei, die falsche Strophe der Nationalhymne anzustimmen – nun springen sie dem älteren Herrn zur Seite. Bald bricht der erste Coe auf dem Schädel eines Unions-Patrioten, ein Schultheiß-Krug zerscheppert den Kiefer eines Solid-Aktivisten. Erst die Polizei kann die Situation mit Schlägen befrieden. Beim Hinausgehen fistbumpt der Einsatzleiter einen JUler. Der Prozessionsspinner spaltet den Kiez – eine bekannte Herrschaftstechnik des bürgerlichen Schweinesystems, wie der junge Lenin mit zahnlosem Mund sagt, während ein Polizist ihn grinsend auf die Rückbank seines Streifenwagens drückt.

Der Reporter greift selbst zur Waffe. Foto: Privat

Wehrhafte Demokraten

Ich trete in den kleinen Tiergarten und untersuche die Bäume. Als Wissenschaftler (Master in Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik) will ich eine Antwort auf die Bedrohung finden. Doch  ich höre Lärm vom U-Bahnhof Turmstraße. Dort findet eine Kundgebung statt. Es wehen Fahnen aus dem Kaiserreich, man schwingt KI-Bilder von Politikern in Sträflingskleidung, ein verwirrter Alt-68er spielt “Imagine” von John Lennon auf der Ukulele. 

Der Redner auf der Bühne brüllt in die Menge: „Stoppt die Masseneinwanderung in unsere Grünanlagen! Unsere Frauen trauen sich schon nicht mal mehr, im Bikini durch den Tiergarten zu laufen! Die Prozessionsspinner verdrängen unsere heimischen Weiber. Das muss aufhören!“ Plötzlich schießt eine Windböe durch den kleinen Tiergarten und trifft auf die Menge. Der Mob verschwindet im Nebel tausender EPS-Härchen, die sich in die Männerkörper bohren. Ein Reporter der Bildzeitung hustet am Rand der Demo in sein Handy “Überschrift: ‘Eichenprozessionsspinner – Feinde der Meinungsfreiheit!’”

Kein Ort. Nirgends

Ich fliehe ins gutbürgerliche Moabit: Direkt in die Elberfelder Straße. Ein kratzender Husten erschwert mir die Atmung. Auf dem Spielplatz Elbi hat der kleine Sören-Noah seine Mutter Beate Bottrop im Schwitzkasten. Ich sehe, wie sein Vater, Sönke Bottrop, ihm 150 Euro gibt und so die Situation beruhigen kann. Sören-Noah, fünf Jahre alt, rennt in Richtung Eisbox und tritt auf dem Weg gegen mehrere Autos, Fahrräder und Kinderwagen, während ich mich am Arm kratze, auf dem sich eine pustelig-rote Stelle gebildet hat. Die Aura des Jungen erinnert an eine Mischung aus Checker Tobi und Patrick Bateman – aber mehr so Six-Seven (6-7). 

Als die Mutter nach einigen Minuten wieder zu Atem kommt, suche ich das Gespräch über die EPS. „Ja, also dafür sind wir wirklich nicht nach Berlin gezogen!“, schimpft Bottrop. Die Kriminalität, der Lärm, der Müll, Spandau – all das sei ja noch hinnehmbar. „Aber nun hat die Wald-Kita bis auf unbestimmte Zeit zu und wir haben alle Ausschlag! Unser Sören ist so überfordert!“, sagt sie. Ihr Mann nimmt sie in den Arm und streichelt ihr den Hinterkopf, während der kleine Sören-Noah ihnen gegen die Schienbeine tritt. Frau Bottrops Fazit ist radikal: Es werde Zeit, dass  die CDU hier mal so richtig aufräume, sagt sie.

Alles verloren?

Moabit hofft auf Normalität, doch ob diese wiederkehrt, bleibt fraglich. Ich sitze schließlich bei 30 Grad mit Rollkragenpullover und FFP2-Maske im Spontan Café in der Gotzkowskystraße, als ich diesen Text schreibe. Immer wieder treten Menschen an mich heran, “Herr Bardorf, Sie sind doch Journalist und Universalgelehrter…”, sagen sie und fragen dann, wie es weitergehen soll. Wann werde Boris Pistorius ankündigen, dass wir ohne weitere 6 oder 7 Milliarden in die Aufrüstung die Invasoren nicht stoppen können? Wann werden in den Kindergärten Schießübungen auf Bilderbücher der Raupe-Nimmersatt stattfinden? Doch ich habe keine Antworten. Können wir diesen Krieg gewinnen, die Freiheit verteidigen gegen die Autokratenraupe, die völkerrechtswidrig unsere Parkanlagen annektiert? Ich weiß es nicht. Nachdenklich nippe ich an meiner Dose Gönrgy Miami Splash und ziehe an der Vape Wassermelone Zuckerfrei.

Da sehe ich den kleinen Sören vorbeirennen, sein Blick wirr und entrückt, sein Körper zerschunden vom Ausschlag. Trotzdem lacht er, hat Schaum vorm Mund, in der Hand Deospray und Feuerzeug – beides fest umklammert wie Jack Torrance seine Axt in The Shining. Ich stehe auf und salutiere. Es gibt noch Hoffnung.

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