„Wenn wir nichts mehr machen, verschwinden wir sofort von der Bildfläche"
Der Moabiter Wanderkinoinitiative fehlt die Förderung. Gründerin Maren Dorner über die Anfänge, die unsichtbare Arbeit und eine ungewisse Zukunft.
Der Moabiter Wanderkinoinitiative fehlt die Förderung. Gründerin Maren Dorner über die Anfänge, die unsichtbare Arbeit und eine ungewisse Zukunft.

Seit 2011 bringt die Moabiter Wanderkinoinitiative Filme in Fahrradläden, Oldtimer-Hallen und Billard-Salons. Jetzt fehlt die Förderung. Gründerin Maren Dorner über die Anfänge, die unsichtbare Arbeit und eine ungewisse Zukunft.
Das Wanderkino wird diesen Sommer 15 Jahre alt. Wie hat alles angefangen?
Als ich 2004 nach Moabit kam, ging es mir wie vielen Menschen: Ich habe ein zentrales Kino vermisst. Der Filmrauschpalast ist vom Moabiter Zentrum zu weit weg.
Warum gab es in Moabit kein Kino?
Es gab hier mal extrem viele. Ich bin ja Historikerin und habe viel zu Kinokultur geforscht. Moabit war ein Arbeiterkiez und die Arbeiterbewegung sorgte dafür, dass die Leute ein Kulturangebot bekamen. Nur haben die im Laufe der Zeit alle zugemacht.
Wie ist dann das Wanderkino entstanden?
Zuerst beschloss ich, einfach mal einen Film zu zeigen. Das war „Unter den Brücken" von Helmut Käutner, vielleicht sein schönster Film, gedreht auf den Wasserwegen, die auch die Moabiter Insel bilden. Gezeigt haben wir ihn im ehemaligen Gemeindesaal der Heilandskirche in der Ottostraße. Das war 2010, also ein Jahr bevor das Kinoprojekt dann offiziell gestartet ist.
Wie kam es dazu?
Das Quartiersmanagement bekam das mit und fragte mich, ob ich nicht ein Angebot für ältere Menschen entwickeln, also nachmittags Filmklassiker zeigen wolle. So entstand das Kinocafé, das zuerst nomadisch funktionierte, dann für einige Zeit in der Zunftwirtschaft in der Markthalle gastierte. Und das war relativ erfolgreich.
Wieso haben Sie das Konzept erweitert?
Von den Leuten kam der Wunsch, dass ich mehr mache. Nicht mehr nur nachmittags, sondern auch abends zur Primetime. Bald schlossen sich mir immer mehr Menschen an und so gründeten wir 2016 unseren Verein.
Sie haben mit dem mit Otto-Spielplatz und dem Bildungsverbund einmal eine Filmvorführung im Otto-Park organisiert, bei der das Publikum selbst den Strom erzeugen musste.
Das war sehr cool, gerade für Kinder und Jugendliche. Die Leute saßen auf einer Art Fahrrädern und generierten mit dem Treten Strom. Auf der Leinwand war eingeblendet, wie viel Strom gerade produziert wurde. Es gingen Warnsignale an, wenn nicht genug getreten wurde. Um so einen Film zu zeigen, braucht man eine ganz schön große Gruppe Menschen. Und die muss echt reintreten. Das ist Fitness. Am meisten Energie braucht übrigens der Ton. Das unterschätzt man.
Gab es in 15 Jahren sonst noch besondere Highlights?
Unsere glamourösesten Veranstaltungen waren in der Classic Remise, einem Oldtimer-Depot. Wir hatten einen echten Jaguar E-Type im Raum und zeigten „Der Tod im Roten Jaguar" – einen Jerry-Cotton-Film, der teilweise in Moabit gedreht wurde, aber in San Francisco spielt. Berlin wird also zur amerikanischen Westküste. Die Hochhäuser am Ernst-Reuter-Platz werden als Kulisse für eine amerikanische Großstadt benutzt.
Das Nomadische ist zum Markenzeichen geworden. War das so geplant?
Das ist aus der Not geboren. Lieber wären wir an einem Ort geblieben. Auch heute noch, aber das kostet viel Geld.
Wie war es für Sie, als Sie das realisierten?
Wir mussten schlucken. Kein “Juhu, wie cool!” Wir mussten ja das ganze Equipment anschaffen. Bis heute gibt es nur selten Freiwillige für den ganzen Prozess von Transport, Aufbau und Abbau.
Das klingt nach wahnsinnig viel Arbeit. Wie viel bleibt davon unsichtbar fürs Publikum?
Die kommunikative Arbeit wird oft unterschätzt. Die ganzen Gespräche mit den Orten, an denen wir vorführen, die Anmeldungen, die Werbung und die Materialien.
Ist es schwierig, Orte zu finden?
Nicht jeder hat Bock auf uns, weil es heißt, dass wir für einen Abend alles auf den Kopf stellen. Manche müssen erstmal ihr gesamtes Mobiliar rausräumen.
Was unterscheidet Ihr Kino von einem normalen Kinobesuch?
Das Entscheidende ist die Atmosphäre. Die Menschen kennen sich zu einem großen Teil. Es ist von Anfang an eine nachbarschaftliche, gesprächige Stimmung.
Kommen dieselben Leute zu Ihnen, die sonst ins Multiplex gehen?
Die meisten gehen selten in große Kinos. Die sind zu weit weg, zu teuer, oder sprechen sie nicht an. Bei uns gibt es etwas Zwischenmenschliches. Und wir nehmen nach wie vor nur vier Euro.
Seit Anfang 2026 erhalten Sie keine Förderung mehr. Was bedeutet das konkret?
Eigentlich hätten wir sagen müssen: Ab Januar findet nichts statt. Wir können jetzt kaum noch Gesprächsgäste einladen, Raummieten bezahlen auch nicht. Wir machen trotzdem Veranstaltungen, weil wir davon ausgehen, dass wir sofort von der Bildfläche verschwinden, wenn wir damit aufhören. Wir müssen unsere Beziehung zum Publikum aufrechterhalten.
Haben Sie bereits bei der Politik angeklopft?
Wir haben uns an den Bezirk gewendet, wo schnell klar war, dass nichts gehen würde. Über einen Vertreter im Abgeordnetenhaus haben wir auch das Land Berlin gefragt. Eine Zeit lang sah es gar nicht mal so schlecht aus, bis dann in letzter Sekunde doch alles abgesagt wurde.
Wie finden Sie das?
Wir sehen die Politik weiter in der Pflicht und möchten sie da auch nicht aus der Verantwortung entlassen. Gerade vor dem Hintergrund von gesellschaftlichen Problemen - Spaltung, Radikalisierung, Vereinsamung. Die haben sich in den 15 Jahren verstärkt. Wir merken die Unterschiede zu vor 15 Jahren. Das geht rasant.
Was können Menschen tun, die Sie unterstützen möchten?
Unsere Veranstaltungen besuchen. Spenden sind auch sehr willkommen, wir sind ja gemeinnützig. Und wir freuen uns über neue Mitglieder, über passive, aber über aktive noch viel mehr.
Was gibt es da zu tun?
Das ist ein breites Spektrum: Es fängt mit Aufbau und Projektion an. Vielleicht gibt es in Moabit ja Technik-Nerds, die Spaß daran haben, Geräte zu verkabeln oder Sound zu machen.
Was bedeutet das Wanderkino für Moabit?
Letztes Jahr haben wir für unsere Rettungskampagne eine Befragung per Postkarte gemacht. Der Satz „Ohne das Moabiter Wanderkino..." sollte ergänzt werden. Da kamen Dinge wie: „Das Konzept des wandernden Kinos entspricht dieser Stadt, die stetig im Wandel ist" oder „die einzige Chance, Kultur vor der Haustür zu haben."
Mehr Infos auf unserem Kalender
Am 9. Mai ist KINO für MOABIT mit einer Filmgala bei der feierlichen Eröffnung der Kulturmanege (das neue, leuchtend bunte Zirkuszelt auf dem OTTO-Spielplatz) dabei. Dort zeigt die Initiative Charlie Chaplins "The Circus".
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