„Er drohte mir, die Freundschaft zu kündigen“

Gilmore Girls gegen das Einsamsein? Der Autor und Journalist Daniel Haas über digitalen Trost – und warum echte Freunde unbequem sein sollten.

„Er drohte mir, die Freundschaft zu kündigen“
Foto: Lea Sofia Fichtner
Foto: Lea Sofia Fichtner

Als seine Mutter sich 2021 mithilfe eines Sterbehilfevereins das Leben nimmt, steht der Journalist und SPIEGEL-Kolumnist Daniel Haas, Jahrgang 1967, an einem Tiefpunkt. Schon vorher ist sein Leben geprägt von Einsamkeit: Ein Burnout, eine Trennung und die Pandemie hatten ihn in den Jahren zuvor zunehmend isoliert.

In “Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte” (Goldmann 2026) fragt er, wie es so weit kommen konnte – und wie man aus der Einsamkeit wieder herausfindet. 


Moazin: Als wir nach einem Termin für das Interview suchten, schrieben Sie mir, dass Sie ins Kloster fahren. Wie war es?
Daniel Haas:
Das hat leider doch nicht geklappt. Wäre ein guter Einstieg gewesen, nicht?

Ja, denn bei Kloster denkt man an Abschottung. Sie haben aber gerade ein Buch darüber geschrieben, wie man das Einsamsein hinter sich lässt. 
Ich war ehrlich gesagt ganz froh, dass ich da nicht hin konnte. 

Warum?
Ich hatte den Schweige-Retreat gebucht. Da darf man glaube ich nur “Guten Morgen” sagen. Mir war schon etwas bange davor. 

Bei Abschottung denke ich sofort daran, wie Sie im Buch dieses Haus Ihrer Mutter in der Schweiz beschreiben. 
Sie lebte dort mit ihrem zweiten Ehemann. Die beiden verschanzten sich in diesem bizarren Gebäude, wie ein Bunker aus Sandstein. Das ganze erste Geschoss war abgeschottet wie ein Panic Room. 

Sie nennen ihre Mutter eine “Einsamkeitsexpertin”. Deswegen?
Ihre ganze Biografie war geprägt von tiefen Einsamkeitserfahrungen. Geboren 1942, ihre Mutter war einst preußischer Landadel. Nach dem Verlust von Vermögen und Status hielten die Eltern mit brutaler Disziplin an Etikette und Verhaltensregeln fest. Schon als junges Mädchen schoben sie meine Mutter aufs Internat ab. Später heiratete sie einen sehr viel älteren, reichen Mann. Meinen Vater. Doch diese Ehe war unglücklich und sie zog sich zurück in eine großbürgerliche Existenz. Nach außen wurde die Etikette gewahrt. Doch auch hier war sie einsam. 

Mit ihrem zweiten Ehemann zog sie später in das besagte Haus in der Schweiz. 
Er war noch vermögender. Ein reizender Mensch, aber jemand, der sich seinerseits total isolierte. Er panzerte sich ein, sammelte chinesisches Porzellan. 

Und Ihre Mutter?
Als jemand, die mit dieser maßlosen Strenge und Kälte aufgewachsen war, versuchte sie, ein hohes Maß an Kontrolle im Leben auszuüben. Fassade, Etikette und Ästhetik waren ihr wahnsinnig wichtig – wichtiger als soziale Verbindungen. Sie hatte Migräne, Geräusche konnte sie kaum ertragen. Sie war fast wie so eine literarische Figur aus dem 19. Jahrhundert. 

Was meinen Sie?
Diese anämischen Frauen der Upper Class, die auf irgendwelchen Chaiselongues liegen und Opiate zu sich nehmen. Wenn man sich so zurückzieht in einen Kokon aus Wohlstand und Luxus, wird man auch immer empfindlicher. Besuch konnte meine Mutter kaum ertragen. Und darum nenne ich sie eine Einsamkeitsexpertin.  

Dieses Sich-Verschanzen ist ein Phänomen, das wir alle kennen. Menschen bleiben bei dem, was ihnen vertraut ist. Selbst wenn sie vielleicht darunter leiden. 
Das trifft es sehr gut. Wenn man die beiden besuchte, waren sie interessanterweise immer von einer unglaublichen Herzlichkeit und einer fast gierigen Aufgeschlossenheit. Sehr großzügig, wenn ich Freunde mitbrachte. Dennoch lief alles nach streng kuratierten Maßstäben. Gäste wurden für viel Geld in einem Hotel einquartiert. Ihr gigantisches Haus hatte keine Gästezimmer.

Sie haben ganz anders gelebt, dennoch sprechen Sie von Einsamkeit als einem Erbe. Was haben Sie geerbt?
Eine gewisse Fixierung auf Lifestyle, ein gewisses Dekorum. Ich habe aber begriffen, dass das eine Sackgasse ist. Und natürlich eine innere Prägung: großes Misstrauen, eine Anfälligkeit für Groll, Ängstlichkeit. Mangel an Aufgeschlossenheit.

Sie schreiben: Auch wer viele Kontakte hat, kann sich einsam fühlen. Was meinen Sie damit?
Man empfindet eine Differenz zwischen sich und den Menschen. Das Gefühl, nirgendwo richtig anzukommen, nicht zugehörig zu sein. Auch wenn das vielleicht gar nicht stimmt. Das kann eine selbst erfüllende Prophezeiung werden. Man sabotiert sich so lange selbst, bis man wieder rausfliegt. Aber man kann natürlich auch sagen: Das ist Leiden aus einer privilegierten Position.

Inwiefern?
Ich beschreibe im Buch ein bestimmtes Milieu, eine Upper Middle Class bis Upper Class. Für Geflüchtete, für Menschen, die in großer Armut leben, oder mit schweren psychischen Störungen hat Einsamkeit nochmal eine ganz andere Dimension.

Sie waren ein großer Fan der Serie “Gilmore Girls”. Welche Funktion haben Serien, wenn man einsam ist?
Da sich Serien über einen langen Zeitraum ausspannen, wird man mit den Figuren sehr vertraut. Lorelei und Rory, aber auch Sookie, und wie sie alle heißen, werden Lebensbegleiterinnen. Gerade Familienserien bedienen das stark. Wer würde nicht gerne mit denen abhängen in diesem sweeten Kaff und mit all ihren Problemen? Das hat etwas Tröstliches. Es wird eine Ersatzfamilie. Schlimm ist, wenn es dann zu Ende ist.

Dann kommt die Realität.
Oder die nächste Serie. 

Sind solche Ersatzbeziehungen auch gefährlich, wenn man einsam ist? 
Wenn es eine zweite Wirklichkeit wird, in die ich entfliehe, dann ist es nicht gut. 

In einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom sagen 20 Prozent der Befragten: “Es gibt Dinge, die ich nur der KI anvertraue, nicht aber Menschen”. Bei den unter 30-jährigen sagen das sogar 32 Prozent. Was denken Sie, wenn Sie das hören?
Eine KI ist nicht kritisch, sie ist affirmativ. Das kann etwas Gutes sein. Aber sie wird nie so ehrlich sein wie mein Freund Friedrich. Als ich mich komplett verrannt und isoliert hatte, drohte er mir, die Freundschaft zu kündigen, wenn ich nichts ändere. Die Koketterie mit der Selbstzerstörung, mit der Isolation, das wollte er mir nicht länger durchgehen lassen. Er forderte, dass ich wieder am Leben teilnehme. 

Das von einem Freund zu hören, ist hart.
Es war grauenhaft. Es war aber total notwendig. Social Media und KI lenken ab und suggerieren uns Verbindungen. Die Bereitschaft, sich im wirklichen Leben mit Leuten zu beschäftigen, nimmt ab. Das halte ich für sehr gefährlich. Echte Menschen sind anstrengend und auch ein bisschen unberechenbar. Sich mit ihnen zu beschäftigen, ist mit Mühen und Konflikten verbunden. Aber nichts ist tröstlicher als reale Begegnung und Nähe. 

Sie beschreiben im Buch, wie Sie sich schließlich Friedrich anvertrauen – und die Reaktion ist positiv und überraschend. 
Friedrich sagt immer: “Don't presume anything.” Mach keine Unterstellungen. Er meint damit, dass ich oft schon vorher zu wissen glaube, wie andere reagieren werden, wenn ich ihnen etwas erzähle. Aber das stimmt oft gar nicht. 

Haben Sie das selbst auch erlebt?
Als ich nach dem Burnout mit Kollegen und Kolleginnen gesprochen habe, reagierten die offener, als ich erwartet hatte. Wie die zum Teil auspackten! Viele kannten das bereits von sich oder Menschen aus ihrem Umfeld. Da war ich total baff. Wenn ich ehrlich sage, wie es mir geht, dass ich mich einsam fühle, wütend bin, oder wahnsinnig gekränkt. Dann verstehen das die Menschen.

Unterstellungen dagegen machen einsam? 
Das ist mein persönliches Einsamkeitsdilemma. 

Was bedeutet das?
Es ist geprägt von Vorbehalten, Ängsten, einem Mangel an Bereitschaft, mich anderen zuzuwenden und auch auf sie zu hören. Doch durch diese ganzen Zusammenbrüche habe ich es dann ja zum Glück geschnallt, anscheinend. Auch gegen den eigenen Widerwillen die ausgestreckte Hand zu nehmen, zum Beispiel die meines Freundes Friedrich. Das ist übrigens ein fortlaufender Prozess und ich bin auch immer versucht, zurückzufallen.  

In den Widerwillen?
Ja. Auch heute passiert es noch, dass ich nicht zu einer Veranstaltung gehen will, weil ich davon ausgehe, dass es sicher doof wird. Diese negativen Gedanken verhindern, dass man mit Menschen in Verbindung tritt. Ein Freund von mir sagt dann immer: “Du hast keinen Bock? Mach’ es ohne Bock.” Ist doch egal! Guck hinterher, wie es war. Das hilft.

Folge uns auf Instagram und Faceboook und abonnier auch gern den Newsletter, über den wir einmal im Monat News und Events aus und in Moabit teilen.


Daniel Haas liest am 30. April 2026 in Moabit aus seinem Buch “Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte”. 

Wo? Selbsthilfe - Kontakt und Beratungsstelle Berlin-Mitte, Perleberger Str. 44,10559 Berlin

Meldet euch bitte an.

Klasse! Sie haben sich erfolgreich angemeldet.

Willkommen zurück! Sie haben sich erfolgreich angemeldet.

Sie haben sich erfolgreich für moazin angemeldet.

Erfolg! Überprüfen Sie Ihre E-Mail auf den magischen Link zum Anmelden.

Erfolg! Ihre Rechnungsinformationen wurden aktualisiert.

Ihre Abrechnung wurde nicht aktualisiert.

Jetzt anmelden zum Newsletter! Newsletter abonnieren