Vergewaltigungsprozess gegen Frank S.: "Wir können Männern nicht trauen"

14 Frauen soll Frank S. betäubt und vergewaltigt haben. Heute ging der Prozess gegen ihn vor dem Kriminalgericht in Moabit zu Ende. Noemi Ferrari hat ihn auf der Straße begleitet.

Vergewaltigungsprozess gegen Frank S.: "Wir können Männern nicht trauen"
Foto: Natalie Bechtold
Foto: Natalie Bechtold

Seit August 2026 läuft der Prozess gegen Frank S. vor dem Kriminalgericht Berlin in Moabit. Frank S. soll 14 Frauen betäubt und vergewaltigt haben. Die Vergewaltigungen gab Frank S. zu. In 59 weiteren Fällen wird derzeit noch gegen ihn ermittelt. Frank S. soll außerdem in Chatgruppen anderen Männern Tipps zur Betäubung von Frauen gegeben haben. 

Der Fall Frank S. ist kein Einzelfall, wie Strafprozesse und Ermittlungen in ganz Deutschland und darüber hinaus zeigen. Besonders viel Aufsehen erregte der Fall von Gisèle Pelicot. Sie war es auch, die den Satz “Die Scham muss die Seiten wechseln” sagte. 

Doch in Deutschland bleibt die große gesellschaftliche, mediale und politische Empörung über diese Taten bisher aus. Genau das möchte Noemi Ferrari mit ihren Mitstreiter:innen vor dem Kriminalgericht Moabit ändern. Viele ihrer Vormittage opfert sie, um den Betroffenen im Fall Frank S. durch Beisitzen im Gerichtssaal, sowie mit bunten Bannern und Plakaten vor dem Kriminalgericht Moabit Solidarität zu zeigen. Am Mittwoch, den 14. Oktober hat sie außerdem eine Kundgebung anlässlich der Urteilsverkündung organisiert. Das Motto: "Die Scham muss die Seiten wechseln".

Noemi Ferrari Foto: Natalie Bechtold

MOAZIN: Wie kam es dazu, dass du dich beim Prozess gegen Frank S. engagierst?
Noemi Ferrari:
Ende September fragte mich ein Bekannter, ob wir zusammen zur Verhandlung gehen wollen. Da lief diese bereits mehrere Wochen. Gelesen hatte ich den Namen Frank S. zwar bereits bei seiner Festnahme im März, aber wie konnte es sein, dass ich nichts vom Prozess mitbekommen hatte? Ich war empört. Also fing ich an zu recherchieren und sah, dass es kaum Berichterstattung dazu gab. Sofort schrieb ich meinem Bekannten zurück. Und stand am nächsten Tag vor dem Kriminalgericht in Moabit.

Wie ging es dann weiter?
Am Anfang waren wir nur fünf Menschen. Alles war unorganisiert. Wir wollten uns erstmal einen Überblick verschaffen. Am ersten Tag gingen die anderen Aktivist:innen und ich mit einem beklemmenden Gefühl nach Hause.   

Warum?
Weil es so ruhig war. Es gab keinen öffentlichen Aufschrei. Vor dem Kriminalgericht tummelten sich keine Journalist:innen, um von diesem wirklich schrecklichen Fall zu berichten.  Deswegen haben wir angefangen, uns zu mobilisieren, um Aufmerksamkeit zu generieren. 

Wie sieht euer Engagement konkret aus?
Wir versuchen möglichst viele Menschen zu erreichen, beispielsweise über Instagram, und zu motivieren, mit uns zum Kriminalgericht zu kommen. Im Gerichtssaal sitzen wir dann immer nur kurz, bis wir aus dem Saal gebeten werden. 

Ihr werdet rausgeworfen?
Die Betroffenen haben entschieden, dass der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Sie wollen ihre Privatsphäre schützen, schließlich müssen sie während des Prozesses wahnsinnig unangenehme und private Fragen beantworten. Für uns geht es also vor dem Gericht weiter. Wir halten Banner und Schilder mit Aufschriften wie „Die Scham muss die Seite wechseln“ oder „Die Angst muss die Seite wechseln“ hoch. Wir wollen für die Betroffenen sichtbar sein und unsere Solidarität ausdrücken. 

Wofür steht der Satz “Die Scham muss die Seite wechseln”?
Der Satz fordert, dass wir alles tun, um Opfern das Gefühl zu nehmen, sie wären Schuld, sie hätten eine Mitverantwortung, sie hätten besser aufpassen müssen.
Die Scham, die Angst und die Verantwortung müssen die Seite wechseln. Alles davon sollte dem Täter gehören.

Was bedeutet der Fall Pelicot für die Bewegung in Berlin/Deutschland?
Gisèle Pelicot hat den Satz "Die Scham muss die Seite wechseln" auf die große Weltbühne gehoben und mit ihrem unermüdlichen Lautsein vielen Betroffenen Kraft gegeben. Durch ihre Vehemenz hat sie auch bewirkt, dass das Sexualstrafrecht in Frankreich angepasst wurde. Was natürlich für andere Länder auch eine Vorbildfunktion hat.

Steht ihr im direkten Kontakt mit den Betroffenen?
Nein, alle 14 betroffenen Frauen möchten anonym bleiben. Wir bemühen uns auch gar nicht darum, herauszufinden, wer sie sind. Wir werden nichts unternehmen, was ihre Anonymität gefährden könnte. 

Sie wollen also Öffentlichkeit, aber nicht in der Öffentlichkeit stehen?
Das haben wir die Anwält:innen auch gefragt. Der Schutz der Betroffenen ist uns wichtiger als der politische Kampf für das Thema. Über ihre Vertretungen haben Betroffene verlauten lassen, dass es für sie in Ordnung ist, wenn wir da sind und auch wenn wir Kundgebungen zu dem Thema anmelden. Die Betroffenen wissen also, dass wir da sind, sie supporten und das ist gut so.

Was genau wollt ihr mit eurem Support erreichen?
Der Fall Frank S. ist kein Einzelfall. In vielen Städten in Deutschland stehen momentan Täter für ähnliche Taten vor Gericht. Männer unterhalten sich in halböffentlichen Räumen wie Telegram-Gruppen darüber, welche Medikamente stark genug sind, damit eine Frau während der Tat nicht aufwacht, aber auch nicht stirbt. Sie wünschen sich gegenseitig viel Spaß und gutes Gelingen, manchmal geben sie sich Regieanweisungen und danach schicken sie sich die gefilmten Taten. Manche laden sie auf Porno-Plattformen hoch. Diese Täternetzwerke gibt es auf der ganzen Welt, in manchen Telegram-Gruppen sind mehrere 10 Tausend Mitglieder Die gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit muss auf dieses Thema gelenkt werden. 

Was nützt Aufmerksamkeit?
Sie ermöglicht einen Diskurs über geschlechtsspezifische sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Um Veränderung zu erreichen, braucht es zuerst die gesellschaftliche Anerkennung des Problems. Darauf kann eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema folgen. 

Was sind eure Forderungen an die Politik und die Gesellschaft?
Wir müssen zum Beispiel als Gesellschaft darüber diskutieren, wie eine gute Präventionsarbeit aussehen kann. 

Wie sähe die aus?
Es muss viel mehr darum gehen, Gewaltprävention für Männer und Jungs anzubieten. Wir müssen schon mit Jungs darüber sprechen, was Zustimmung bedeutet, wie man mit Zurückweisung umgeht und warum die eigene sexuelle Selbstbestimmung niemals über der eines anderen Menschen steht. Bei Männern muss wieder ein funktionierendes Unrechtsbewusstsein hergestellt werden.

Welche Forderungen habt ihr noch?
Es muss außerdem darum gehen, wie Betroffene besser begleitet und geschützt werden können. 

Wie ginge das?
Es braucht Therapieplätze und psychosoziale Prozessbegleitungen. Außerdem muss es im Diskurs darum gehen, wie Fachpersonal an Gerichten und die Polizei besser zu diesem spezifischen Thema geschult werden können. Und dann gibt es den rechtlichen Aspekt. Unser jetziges Sexualstrafrecht ist nämlich in manchen Bereichen total absurd.  

Warum?
Manche Vergewaltigungen verjähren nach fünf Jahren. Der Konsum von Vergewaltigungs-Videos ist noch nicht strafbar. Der Grundsatz lautet auch immer noch „nein heißt nein“ und nicht, wie wir es uns wünschen, "nur ja heißt ja". Das heißt sexuelle Handlungen sind nur strafbar wenn sei gegen den erkennbaren Willen einer Person geschehen.  

Was wäre die Alternative?
Nach dem Grundsatz "Nur Ja heißt Ja" sind sexuelle Handlungen strafbar, wenn keine Zustimmung vorliegt. Das heißt, die handelnde Person muss sich aktiv versichern, dass das Gegenüber einverstanden ist. Aber allein eine Verschärfung des Sexualstrafrechts reicht nicht aus. Wir müssen uns als Gesellschaft auch fragen, woher die Gewalt eigentlich kommt und wie wir damit gemeinschaftlich umgehen wollen. 

Was heißt das?
Feministische Kämpfe können nicht nur von uns Frauen geführt werden. Wir brauchen Männer, die an unserer Seite stehen und widersprechen, wenn andere Männer sexistische Sprüche klopfen. Sie müssen auch widersprechen, oder die Polizei rufen, wenn sie in Chat-Gruppen mit 1000 Mitgliedern eingeladen werden, wo Videos von bewusstlosen, vergewaltigten Frauen geteilt werden. 

Frank S. ist ein "ganz normaler" Mann, wie dein und mein Nachbar. Können wir Männern überhaupt noch trauen?
Nein, wir können Männern nicht trauen. Es sind Väter, Brüder und Kommilitonen. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch ganz tolle Männer gibt, die großartige Verbündete sind. Trotzdem ist es wichtig, die Vorstellung davon aufzugeben, wie eine Täterperson aussieht. Wir haben keine Ahnung, wer zum Täter wird oder einer ist. 

Was löst eure Präsenz bei Frank S. aus?
Auch Frank S. weiß, dass wir da sind. An jedem Prozesstag. Mehr kann ich dazu allerdings nicht sagen, außer, dass ich den Fall mittlerweile losgelöst von der Person Frank S. betrachte. 

Wie meinst du das?
Ich hoffe natürlich, dass er eine hohe Strafe bekommt. Unser Engagement sehe ich allerdings mehr als Signal an die Täter, die noch nicht auf der Anklagebank sitzen. Täter, die mit Frank S. in den Chat-Gruppen sind. Täter, denen Frank S. Tipps zu Betäubungsmitteln gegeben hat. Es ist nicht Frank S. alleine, es ist ein riesiges Netzwerk an Männern, die Frauen schreckliche Dinge antun. Die Täter, die noch in keinem Gericht sitzen, sollen wissen, dass wir ganz genau hinschauen und sie sehen. Damit Frauen nicht mehr passiert, was den Betroffenen widerfahren ist.

Wie geht es dir persönlich, wenn du dich mit diesen Taten beschäftigst?
Über die Zeit habe ich eine Art kalte Empathie entwickelt. Eine kognitive Empathie gewissermaßen, und die ist auch notwendig, wenn man sich engagiert. Immer wieder versuche ich, eine Balance zwischen emotionaler Berührtheit und kühler Distanz zu halten. 

Wie meinst du das?
Dass mich Fälle wie der von Frank S. emotional aufwühlen, ist nachvollziehbar und wichtig. Diese Berührtheit kann sich in Wut umwandeln und aktivieren.  Die emotionale Distanz ist aber genauso wichtig, um handlungs- und denkfähig zu bleiben. Diese Balance schützt mich davor, auszubrennen. Über sexualisierte, geschlechtsspezifische Gewalt zu sprechen ist ein Langzeitprojekt. Deswegen müssen wir im Aktivismus zu Marathonläufer:innen werden, die gut auf sich aufpassen. 

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