Neue Kneipe 32 - 16 - 8: Vorhang auf und Tresen frei!

Seit wenigen Monaten versucht eine junge Kneipenbesitzerin die Barlandschaft Moabits zu revolutionieren. Mit freundlichem Konzept und Strenge schafft sie ein Umfeld, das alle ansprechen kann. Sofern sie sich benehmen.

Neue Kneipe 32 - 16 - 8: Vorhang auf und Tresen frei!
Alle Fotos: Jan Remschnigg

Rote Vorhänge rahmen den Tresen, die Getränketafel spannt sich bogenförmig darüber, fast wie eine Bühne im Theater. Von hier aus behält Rosi den Überblick über ihren Laden, über Stimmung, Gespräche, Dynamiken. Im Hintergrund sorgt sie dafür, dass andere Menschen eine gute Zeit haben. Sie beherrscht den Raum, damit sich alle wohlfühlen. 

Die Besitzerin Rosi ist 33 Jahre alt, trägt einen locker sitzenden Pullover mit der Aufschrift „Feuilleton“, ein waches Lächeln, kurze blonde Haare, die zu einem lässigen Dutt gebunden sind und einen Pony. Am Sicherungskasten kleben Sticker wie „Kein Platz für Rassismus“, darüber hängt ein Demoaufruf der feministischen Initiative „Keine*Mehr!“. Schon im Detail wird deutlich: Dieser Raum versteht sich nicht als neutral.

Der Alltag einer jungen Besitzerin zeigt, wie viel Verantwortung dahinter steckt und wie der Umgang mit Konflikten und persönlichen Belastungen über den langfristigen Erfolg entscheidet. Denn auch wenn die Idee, eine eigene Kneipe zu eröffnen, erst mal nach Freiheit, selbstbestimmten Abenden und guter Stimmung klingt, birgt die Realität doch oft Konflikte, wirtschaftlichen Druck und schlaflose Nächte. 

Bar als Theater

In Rosis Kneipe folgt alles einer Dramaturgie.  Licht, Musik, Personal, Regeln. Wer eintritt, findet eine bewusst gesetzte Szenerie. Vielleicht ist das kein Zufall. Vor fast zehn Jahren zog sie aus Celle nach Berlin, um Tanzwissenschaften zu studieren. Theater bedeutet für sie nicht nur Kunst, sondern Gestaltungsmacht: Wer spricht? Wer wird gehört? Wer bekommt Raum?

Das „32-16-8“ in Moabit steht beispielhaft für eine Kneipenkultur im Wandel: weg vom reinen Treffpunkt, hin zu einem bewusst gestalteten sozialen Raum. In einer Branche, die lange von männlichen Stammtischen dominiert wurde, stehen hier ausschließlich Frauen hinter dem Tresen. Zwischen Zapfhahn und Kicker entsteht kein Raum für raue Trinkerrhetorik, sondern ein Ort, der Solidarität und klare Regeln miteinander verbindet. Anfang November eröffnete die Kneipe in der Perleberger Straße, Ecke Rathenower Straße, im ehemaligen „Perlou“ und führt damit eine über hundertjährige Kneipentradition fort. Diesmal jedoch unter veränderten Vorzeichen.

Klassische Eckkneipen galten lange als männlich codierte Räume: verraucht, laut, geprägt von festen Stammtischen und stillen Hierarchien. Das „32-16-8“ versteht sich als Gegenentwurf. Nicht als moralischer Zeigefinger, sondern als bewusste Neucodierung des Raums. Das rein weibliche Team ist dabei Ausdruck eines Anspruchs: Frauen sollen sich selbstverständlich bewegen können, ohne sich behaupten zu müssen.

Die Nacht kennt sie seit Jahren. Während ihres Studiums arbeitete sie in verschiedenen Berliner Kneipen, später parallel zu ihrer Tätigkeit in der freien Tanzszene als Produktionsassistentin und -leiterin. Aus dem verträumten Kneipenversprechen „Irgendwann machen wir unseren eigenen Laden“, wurde schließlich ein konkreter Plan.

Sperrbezirk

Der Name „32-16-8“ wirkt zunächst rätselhaft. Zumindest für Jüngere. Denn die Zahlenreihe ist der Musik der 80er entlehnt, der Neuen Deutschen Welle, und verweist auf eine Zeile aus dem Lied „Skandal im Sperrbezirk“ der Spider Murphy Gang: „Unter zweiunddreißig sechzehn acht herrscht Konjunktur die ganze Nacht.“ Der Vers steht sinnbildlich für lange, lebendige Abende und für einen Ort, der Begegnungen ermöglicht. Er steht aber auch für die sexuelle Emanzipation der Frau, immerhin geht es im Song um Rosi, eine Sex Workerin. Gleichzeitig verweist er auf die ökonomische Realität: Eine Kneipe lebt davon, dass Menschen bleiben.

Und genau dort beginnt die Gratwanderung. Hinter der Idee eines sicheren, solidarischen Raums steht ein wirtschaftlicher Betrieb. Wer klare Grenzen setzt, riskiert Konflikte und damit manchmal auch Einnahmen. Haltung allein zahlt keine Miete. Wareneinsatz, steigende Energiepreise, Personalverantwortung und der Druck, jeden Abend genug Umsatz zu machen. Rosi entscheidet sich dennoch für Konsequenz. 

Sie erinnert sich ungern, aber erzählt trotzdem mit fester Stimme von einem Moment, in dem sie diese Konsequenz einfordern musste. Ein Gast hatte sich rassistisch geäußert und trotz mehrfacher Aufforderung nicht gehen wollen. Rosi stellte sich vor ihn, machte sich breit, war bereit, selbst die Konsequenz für ihre Prinzipien zu tragen. Der Mann verließ die Kneipe. „Hier ist viel Alkohol im Spiel”, sagt Rosi. “Und die Werte, die ich vertrete, kann ich nicht jedem ansehen.” Das Team überlegt derzeit, ob es Selbstverteidigungskurse besuchen sollte.

Trotzdem soll die Kneipe kein exklusiver Schutzraum sein. „Ich möchte Frauen genauso ansprechen wie den 65-jährigen Dieter.“ Am Kicker lachen unterschiedliche Generationen, hinter dem Tresen stehen zwei junge Frauen, daneben ein Schild: „Kein Bier für Nazis“. Das Team vertraut einander; Entscheidungen werden nicht infrage gestellt, wenn eine von ihnen ein ungutes Gefühl hat. Offenheit bedeutet hier nicht Beliebigkeit, sondern klare Bedingungen.

Damit der Umsatz trotzdem stimmt, gibt es bei Rosi oft kein festes Ende, keinen Vorhang, der fällt. Aber nicht nur: „Wenn eine Nacht gut läuft, finde ich es schade, sie künstlich zu beenden“, sagt Rosi. Für ihr Publikum bedeuten Rosis wirtschaftliche Zwänge länger Spaß. Anstrengend ist es trotzdem. Der Schlafrhythmus verschiebt sich, das Smartphone sorgt für ständige Erreichbarkeit. Eine gesunde Routine mit genügend Pausen und Sport sowie Zeit zur Selbstreflexion hilft dabei.

Der Altberliner Trinker ist willkommen, aber nicht mehr König

Wo früher vor allem jene den Raum bestimmten, die schon immer da waren, setzt Rosi auf eine andere Form von Zugehörigkeit. Niemand soll sich erst beweisen müssen, um bleiben zu dürfen. Für Alleingänger ist diese Kneipe ein Ort, um auf andere Gedanken zu kommen und von Rosi gern gesehene Gäste, wie sie sagt: „Ich frage die Menschen oft, was sie hergeführt hat“, und schenkt den Leuten ein offenes Ohr und ein Bier ein.

Rosi nennt sich selbst „Tresentherapeutin“. Sie hat schon viele Geschichten gehört. Ein Gast blieb ihr besonders in Erinnerung: Eines Abends, die Kneipe war noch leer, setzte sich ein Mann  allein an den Tresen. Er war reserviert und wortkarg, schien aber doch in Gesellschaft sein zu wollen, sagt Rosi. Sie bot ihm also an, ihr beim Schneiden der Orangen und Zitronen zu helfen. Dürfe er das, fragte er, und willigte schließlich ein. Lange saß er dort und schnitt still das Obst, während Rosi weiter den Tresen vorbereitete. Irgendwann, noch bevor der Abend richtig begann, stand er auf und verabschiedete sich. „Gesehen habe ich ihn nie wieder”, sagt Rosi.

Eine neue Form von Kneipenkultur

So verbindet die Kneipe die Gemütlichkeit eines Kiezlokals mit einem neuen Bewusstsein für Sicherheit für alle und marginalisierte Gruppen und Verantwortung für die Werte in diesem Raum. Bastelabende, kleine Konzerte, spontane Ideen aus der Nachbarschaft gehören ebenso dazu wie Silvester-DJs oder ein selbst angesetzter Schnaps nach Familienrezept in der Vorweihnachtszeit.

Am Ende zeigt sich, dass es mehr braucht als gute Getränke, um heute eine Kneipe am Leben zu halten: eine klare Haltung, echte Gemeinschaftsarbeit und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn die Nacht lang wird. Vielleicht ist es genau diese Mischung, die darüber entscheidet, ob eine Kneipe nur ein Ort zum Trinken wird oder einer, der bleibt.

Eine passende Gelegenheit, das 32-16-8 zu erleben, bietet der kommende Bingo-Abend am 19. März.

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