Seit wenigen Monaten versucht eine junge Kneipenbesitzerin die Barlandschaft Moabits zu revolutionieren. Mit freundlichem Konzept und Strenge schafft sie ein Umfeld, das alle ansprechen kann. Sofern sie sich benehmen.
Seit letzter Woche fasten Musliminnen und Muslime auf der ganzen Welt. Abends wirken die Moabiter Restaurants jetzt festlicher denn je. Vielen Außenstehenden ist die Praxis des Ramadan fremd. Aber müssen sie deshalb so ignorante Fragen stellen?
Zu Besuch bei den Navigatorinnen durch den Moabiter Alltag
Sie heißen Mahabat, Silham, Abir, Belma, Sevcan, Aysel, Karina und Bothaina. Projektleiterin Shiva Saber-Fattahy nennt sie beim Interview im Jugendhaus B8, ihrem Hauptquartier, "meine wunderbaren Frauen" und dann, nach kurzem Überlegen, auch die "mobilen Gelben Seiten von Moabit". Sie sind eine Institution im Kiez. Los ging es 2006 zu viert. Für viele andere Frauen in Moabit sind die mittlerweile 20 "Mütter für Mütter" - alle sagen kurz "MüfüMü" - eine unschätzbare Hilfe im oftmals schwer zu bewältigenden Alltag geworden. "Integration auf Augenhöhe" heißt das Motto des Projektes, unter dem seit 2006 Frauen aus Einwandererfamilien als "Türöffner" auf andere ausländische Mütter in deren Landessprache zugehen.
Neulich beim Arzt: während des Wartens auf die Computertomografie-Untersuchung erschien eine türkische Dame im Alter von etwa 50 Jahren mit einem Überweisungsschein an der Rezeption. Sie sprach kein Deutsch, auch kein Englisch und die Sprechstundenhilfe kein Türkisch. Da vor einer radiologischen Untersuchung ein Fragebogen ausgefüllt werden muss, in dem es zum Beispiel um Herzschrittmacher und ähnliches geht, konnte die türkische Frau nicht behandelt werden. "Warum haben Sie nicht ihren Sohn oder ihre Tochter mitgebracht?" rief die Empfangsdame, ohne dass die Patientin es verstand. Oder eine von den MüfüMüs, so der nachfolgende Gedanke. Das wäre ein Fall für die patenten Moabiter Frauen gewesen.
Beachtlich, wie sie gerade hier in einem sozial schwierigen Quartier wie Moabit West mit einfachen, aber sehr wirkungsvollen Mitteln eine Brücke zwischen den verschiedenen Kulturen und der deutschen Gesellschaft schlagen. Konkret geht das so: die Helferinnen wirken als Multiplikatorinnen. Sie beraten die oft isoliert lebenden Mütter in Alltagsthemen - von Kindererziehung und Schulproblemen über Behördengänge bis hin zu Gesundheitsfragen. Bei schwierigen oder heiklen Themen, wie zum Beispiel Gewalt in der Familie, fungieren die Mütter oft als erste Ansprechpartnerinnen. Sie versuchen die Moabiter Migrantinnen für Deutschkurse zu motivieren, auch indem sie ihnen davon berichten, wie sie selbst die Zähne zusammengebissen und sich durchgeboxt haben. Das motiviert! Doch helfen Arzu, Souad & Co. nicht nur dabei, Sprachbarrieren zu überwinden, sie verstehen sich auch als Vermittlerinnen zu Angeboten des Bezirks undder freien Trägerim Kiez. Sie erreichen abgeschottet lebende Menschen, zu denen der Staat kaum Zugang findet. Vor allem arabische, türkische, persische und kurdische Familien wurden bislang in ihrer jeweiligen Sprache betreut. Dabei gibt so etwas wie einen Dominoeffekt bei "MüfüMü": Im Jahr 2008 waren es rund 250 Familien, 2009 bereits 380, und 2010 über 500 Familien, die die Mütter erreichten. Für die Frauen ist das Projekt auch eine Art Sprungbrett. Durch die Schulungen - vom Gehirntraining bis hin zu Kursen über die politischen Strukturen in Berlin - lernen die oft sehr gebildeten Migrantinnen viel Neues und knüpfen Kontakte. Daraus folgen Ausbildungsplätze und manchmal auch Arbeitsstellen für die MüfüMüs, zum Beispiel in einer Apotheke oder im Pflegebereich.
Initiiert wurde das Projekt vor fünf Jahren von der Diakoniegemeinschaft Bethania e.V. in Kooperation mit den Quartiersmanagerinnen der S.T.E.R.N. GmbH in Moabit West. Seit der Gründung kann "MüfüMü" beachtliche Erfolge verbuchen. Ende 2009 gab es den dritten Platz des "Hauptstadtpreises für Integration und Toleranz" für das Moabiter Projekt. Die Mütter erhielten einen Preis von "startsocial" und den "Integrationspreis Mitte". Und ihre Arbeit zieht Kreise. Acht weitere Moabiterinnen, so Projektleiterin Shiva Saber Fattahy, haben sich für die Mitarbeit beworben. Eine Übertragung des Konzepts an Träger in anderen Berliner Stadtteilen ist angedacht. Leider ist die weitere Finanzierung von "Mütter für Mütter" in Moabit nach Ablauf der Förderlaufzeit Ende 2011 aber immer noch offen. Eine Verstetigung dieses Erfolgsprojektes ist absolut wünschenswert.
Text und Foto von Gerald Backhaus zuerst erschienen in der Moabiter Inselpost Nr. 1 März 2011, der Quartierszeitung von Moabit West, hier zum Download
Nachtrag: Hier ein Artikel von 2013 über das Projekt, das jetzt Kiezmütter heißt.
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Wenn Menschen ihr Platz in der Gesellschaft vorenthalten wird, müssen sie sich andere suchen. Die Kunstgruppe MoArts bietet genau diese Räume. Nun zeigt sie ihre Jubiläumsausstellung aus 15 Jahren Kreativität.