Moabiter Kissen –  Vom Küchentisch bis nach Japan

Eine Erfolgsgeschichte aus Moabit verändert die Welt. Manche Menschen nennen es Verkehrsberuhigung, aber Moabiter:innen kennen die Wahrheit.

Moabiter Kissen –  Vom Küchentisch bis nach Japan
Fotos: Katrin Fischer
Fotos: Katrin Fischer

Zu schnell, zu laut, zu schmutzig. So sah es Anfang der 80er-Jahre in weiten Teilen Moabits und ganz Berlins aus. Um das zu ändern, schrieb das Umweltbundesamt eine Summe von fünf Millionen Euro aus. Man wollte den Verkehr nachhaltig und mit innovativen Methoden beruhigen. Dass der Moabiter Vorschlag schließlich zum Vorbild für die ganze Welt würde, ahnte damals niemand. Nicht einmal ihr Erfinder.

Dabei ging es anfangs nur um sieben Straßenzüge, nämlich das Gebiet zwischen Wald-, Strom-, Siemens- und Turmstraße. Heinz Tibbe ist leidenschaftlicher Radfahrer und ärgerte sich damals selbst über die bisherigen verkehrsberuhigenden Maßnahmen, die auch Fahrräder ausbremsten. So kam er auf die Idee, eine Verkehrsberuhigung zu erfinden, die diese eben nicht behindern würde.

Tibbe, Stadtplaner und Geschäftsführer des Stadt- und Verkehrsplanungsbüros „Gruppe Planwerk”,  war einer der jungen Wilden, die den innerstädtischen Verkehr für immer verändern sollten. Mit einigen jungen Stadtplaner:innen aus Moabit bewarb er sich mit einer nie dagewesenen Erfindung auf die Ausschreibung des Umweltamts.

Heute erinnert sich Tibbe: „Die ersten Konzepte skizzierte ich noch auf meinem Zeichenbrett, gewissermaßen am Küchentisch, da meine Wohnung als erstes Büro der Gruppe Planwerk diente.” Einige Gedanken, Skizzen und Entwürfe später kam ihm dann die Idee der Moabiter Kissen.

„Da sich das anfängliche Dachprofil nach einem Probeeinbau als unzweckmäßig erwies, entwickelten wir zusammen mit dem Tiefbaubamt als  Grundform einen flachen Pyramidenstumpf mit umseitig schräg eingebauten Großpflastersteinen”, sagt er. Das ist eine bauliche Erhebung auf der Fahrbahn. Um die Geschwindigkeit der Autos zu verringern, sind Anfahrtswinkel und Höhe entscheidend. 30 Grad ist perfekt. Tibbe sagt: „Die optimale Auftrittshöhe liegt bei fünf bis sieben Zentimetern." 

Was passiert, wenn die Maße nicht beachtet werden, zeigt ein Beispiel aus Frankfurt-Griesheim. Dort wurde das Projekt bereits während der Testphase in Berlin nachgebaut, dabei aber nicht gründlich in die Pläne geschaut. Am Ende lagen dadurch die Plateaus zu hoch. “Es muss wohl jemand einen Kratzer am Unterboden seines höherwertigen Autos bekommen und der Stadt mit einer Klage gedroht haben, worauf die Stadtverwaltung das Projekt sofort einstellte”, sagt Tibbe.

Zu niedrige Kissen wären ebenfalls ein Problem. Sie würden ihr Ziel schlichtweg verfehlen, da Fahrer:innen ohne Probleme darüber rasen könnten. Außerdem war es den Stadtplaner:innen wichtig, Lärm durch lautes Bremsen oder Anfahren zu vermeiden. Der Abstand zwischen den Kissen von etwa 30 Metern sollte dazu führen, dass Autofahrer:innen in einem gleichmäßig langsamen Tempo durch Moabit fahren. 

Doch bevor die Idee in die Welt zog, musste Tibbe sie erst verkaufen. Er erinnert sich an den Nachmittag, als er das Konzept in der Beethovenhalle in Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt, vorstellte. Bei seinem Vortrag bekam Tibbe mächtigen Gegenwind von den Versicherungsgesellschaften, die das Konzept als unfallgefährlich einstuften. Diese negativen Rückmeldungen verstörten den 30 Jahre jungen Planer. Er erinnert sich heute: “Nach der Veranstaltung fuhr ich dann nicht zurück nach Berlin, sondern erstmal zu meinen Eltern an die niederländische Grenze, um das Ganze zu verdauen."

Aber der Stress hatte sich gelohnt. Die Idee der Moabiter Kissen kam gut an und die Stadtplaner sprachen Tibbe die ausgeschriebene Summe zu. Auch wenn das Gebiet zu groß und das Budget am Ende zu gering war, um wirklich jede Straße verkehrszuberuhigen.

Die Anwohner:innen nahmen die Kissen positiv auf. „Wir zogen in Betracht, die ganze Sache noch etwas zuzuspitzen”, sagt Tibbe. “Ich habe das die Joint-am-Steuer-Dreh Methode genannt. Das bedeutet:  Man kann im zweiten Gang freihändig mit Standgas fahren – und nebenbei einen Joint bauen", sagt er und lacht. 

Um die Zufriedenheit der Anwohner:innen zu gewährleisten, befragten die Planer:innen sie.  Heinz Tibbe und seine Kollegen kamen mit ihnen durch Straßenstände ins Gespräch, etwa auf dem Turmstraßenfest. Sie stellten dort ihre Idee vor und hörten sich die Bedenken der Moabiter:innen an.

Ihre Meinungen hatten direkten Einfluss auf den Bau der Kissen. “Wir haben die Bauarbeiten mit regelmäßigen Ortsterminen begleitet. An einigen Terminen nahmen auch unterschiedliche Vertretungen der Bezirks- und Senatsverwaltungen teil", sagt Tibbe. Der Bau der Kissen hat etwa zwei Jahre gedauert. Durch stetige kleinere Baumaßnahmen mussten keine großen Straßenteile oder Kreuzungen längere Zeit lahmgelegt werden. 

Während des Baus forschten verschiedene Institutionen zur Wirkung der Kissen. Das Umweltbundesamt zum Beispiel zur Veränderung des Lärms. Dazu wurden LKWs mit geladener Ware und einer offenen Ladefläche über die Kissen geschickt. Dann wurde die Lautstärke gemessen. Das Ergebnis: Der durch Fahrzeuge verursachte Stadtlärm sank um fünf db(A), was das subjektives Lärmempfinden beschreibt. „Durch die flächenhafte Verkehrsberuhigung befand sich die Lautstärke dann bei 60 Dezibel, womit die alltäglichen innerstädtischen Grundgeräusche in Berlin nicht überschritten wurden”, sagt Tibbe. 

Neben den Lärmanalysen wurde auch über mehrere Jahre eine Unfallanalyse durchgeführt. „Nach der Einführung der Kissen nahmen die  Unfälle um 13,8 Prozent ab”, sagt Tibbe. Außerdem starb in der Zeit niemand durch Verkehrsunfälle.

Vielleicht gerade wegen der positiven Wirkungen in puncto Lärm und Sicherheit ist das Konzept der Moabiter Kissen weit über die Grenzen Moabits hinaus bekannt. Von Berlin aus wurden die Kissen als erstes in Frankfurt am Main nachgebaut, trotz der Beschwerden. Danach reisten die Kissen weiter über die Schweiz nach Frankreich. 

Mittlerweile sind die Kissen auf der ganzen Welt zu finden, über Japan bis nach Australien. Heinz Tibbe erklärt sich die Verbreitung so: „Die Moabiter Kissen sind weltweit ein Renner, weil sie ungeheuer gut zur Geschwindigkeitsminimierung im Erschließungsstraßennetz geeignet sind”. Die Kissen seien viel wirksamer als etwa ein 30er-Zone-Schild. Das könne man  nämlich leicht ignorieren. Im Gegensatz zu den Kissen: wer da nicht langsam fährt, ärgert sich in der Werkstatt über sich selbst. 

Durch die Erfindung der Moabiter Kissen in unserem Kiez ist Moabit möglicherweise auch Menschen am anderen Ende der Welt, in Japan oder Australien ein Begriff. Naja, zumindest Berlin sollte ihnen ein Begriff sein, denn danach werden die Kissen im Ausland meistens benannt, unsere „Coussins de Berlinois”.  

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