Mit dem Chef im Bett – Was kann das neue MoaHotel?

Moabit hat ein neues, altes Hotel. Das MoaHotel hat sich von den Ketten des Franchise gelöst und will zu einem Anker des Kiezes werden. Aber ist das mehr als ein Marketing-Versprechen?

Mit dem Chef im Bett – Was kann das neue MoaHotel?

Der Hoteldirektor liegt in Straßenklamotten im Bett, das findet er ungefiltert. Das Bett steht inmitten der Lobby des Moahotels Birkenstraße, Ecke Stephanstraße, das an diesem Abend Mitte Januar Eröffnung feiert. 150 Gäste stehen daneben, halten Sektgläser in der Hand oder Handys, um den Beginn des “Unfiltered Business Talks”, wie die Einladung das Bettgespräch nannte, festzuhalten. Das Motto der Veranstaltung heute lautet ”Kein Skript. Keine Grenzen. Nur Vibe”. Es soll eine Party geben, Interviews und Häppchen. 


”Kein Skript. Keine Grenzen. Nur Vibe”

Fast 200 Menschen arbeiten im Moa Hotel. Es hat 300 Zimmer, Co-Working Spaces, ein Restaurant und eine 2258 Quadratmeter große Convention Hall. Damit ist es das zweitgrößte Konferenz-Hotel in Berlin. Über zehn Jahre diente das halbrunde Gebäude als Tagungsort der Mercure Hotels. Nachdem der Franchise-Vertrag mit der Kette ausgelaufen war, beschlossen die Leiter:innen Philip Ibrahim und Conny Doss, beides langjährige Moabiter:innen, das Moa von der Marke zu lösen und eigenständig weiter zu betreiben. Doss und Ibrahim wollen ihr Hotel zum wohl wokesten Hotel Europas machen. Dass Philip Ibrahim jetzt im Bett liegt, soll diese Botschaft transportieren. Der neue Vibe heißt: Authentizität, Coolness, Umweltschutz, Diversität und Inklusion. Aber ist das alles mehr als eine Marketingstrategie?

Live Fast

Ibrahims blauer Hoodie trägt den Aufdruck “Live Fast”, neben ihm im Bett liegt ein Talkmaster, dessen Moderationskonzept zu großen Teilen daraus besteht, einen sexuellen Unterton in die intim inszenierte Bett-Situation zu pressen. Das erinnert natürlich an Thomas Gottschalk und seine ewig unpassenden Anspielungen und vielleicht ist das auch der Gedanke. Im Verlauf der Show initiiert er nämlich eine  Art Saal-Wette. “Wenn innerhalb von 24 Stunden weitere 150 Menschen dem Insta-Channel des MOA Berlins folgen, verlosen wir unter den Followern einen Frühstücksgutschein – oder Philip?” fragt der Talkmaster. Ibrahim akzeptiert die Challenge. Die 800 geladenen Gäst:innen reagieren allerdings eher unbeeindruckt auf die Marketing-Wette. Ein Gast in roten Sneakern ist vertieft in sein Handy. 

Der Versuch, Authentizität zu erzeugen, steht nicht nur im Hotelkonzept, sondern ist auch Programm der Eröffnungsparty.

Auf die gezwungen zwanglose Business-Präsentation folgt das „Herzschlag- Finale“ im Atrium. So nannte es das Einladungsschreiben. Dieses warb auch mit einer „vibrierenden Deckenhöhe“ von 35 Metern. Das „gemeinsame Wände-Einreißen” bedeutet: Eine Swing-Band mit vier Tänzerinnen vor der Bühne macht  laute Musik. Der Sänger der Band verkündet zu Beginn, dass die Band nun eine möglichst realitätsgetreue Swing-Performanz im Stil der 30er Jahre abliefern würde. Der Versuch, Authentizität zu erzeugen, steht nicht nur im Hotelkonzept, sondern ist auch Programm der Eröffnungsparty.

Während des Gesprächs in einem ruhigeren Nebenraum greift Ibrahim immer wieder zum Handy, beantwortet Nachrichten, wirkt selbstsicher und wie ein Mann, der es gewohnt ist, sich nicht entschuldigen zu müssen. Er bietet das “Du” an,  was erneut die Authentizität, die ungezwungene Atmosphäre der ganzen Veranstaltung unterstreicht. Nun kommt auch seine Geschäftspartnerin Conny Doss zu Wort. 

Endlich frei

Ibrahim und Doss erklären die Gründe für die Trennung von der Franchise-Kette. „Das Korsett, das uns die Franchise-Strukturen auferlegt haben, war am Ende zu eng für unsere Vision”, sagt Ibrahim.  In der Lobby etwa hätten sie einen ganz bestimmten Duft nutzen müssen. ”Nach der Loslösung duftet unsere Lobby nun nach White Tea & Thyme. Wir wollten einen eigenen MOA-Signature-Duft, der unseren Gästen in der Nase bleibt.” Auch die Farbwahl der Kissen und Möbel liegt nach der Trennung in der Hand der Besitzer:innen.

Zu den neu gewonnenen Freiheiten gehört auch die Preispolitik. So kann das Hotel seine Preise täglich anpassen. Die Spanne ist dabei riesig: Von unter hundert bis fast 500 Euro. Die frisch renovierten doppelstöckigen Maisonette-Suiten sind aber noch erheblich teurer und spontane Schnäppchen unwahrscheinlich.

Besonders wichtig ist Ibrahim und Doss auch der Umweltschutz. So hätten sie viel Geld ins Abfallmanagement und neue Lichtkonzepte investiert. Auch den Wasserverbrauch hätten sie gesenkt. Das Ziel sei, das Global-Sustainable-Tourism-Council Zertifikat (GSTC) für Nachhaltigen Tourismus zu erhalten, das Nachhaltigkeitsstandards belegen soll. 

Klingt gut, auch wenn es sich dabei nur um Mindestanforderungen handelt. GSTC-zertifizierte Betriebe sind demnach nicht unbedingt nachhaltiger als andere nicht zertifizierte. Ob das fürs Moa Hotel auch gilt, lässt sich aber schwer überprüfen. Ibrahim und Doss antworten auf Nachfrage: “Wir geben uns mit den Mindestanforderungen nicht zufrieden. Wir sind eines von wenigen Hotels in Berlin, das den "Sustainable Berlin Leader"-Status erreicht hat. Das ist die höchste Zertifizierungsstufe, die deutlich über die GSTC-Basisanforderungen hinausgeht.”

Für den Kiez – zumindest für die meisten hier

 Das Moabiter Führungsduo möchte mit seinem Hotel außerdem den Kiez unterstützen. Dafür will das Hotel lokale Gastronomiebetriebe in sein Restaurantkonzept einbinden. Eine Spende an das SOS Kinderdorf in der Waldstraße gehört auch zum Plan. Und bei der Party darf der Heimatverein Tiergarten e.V. einen Stand mit Infomaterial aufstellen. Eine langfristige Zusammenarbeit, über den Infotisch hinaus, sei aber nicht geplant, sagt der Verein. 

"Alle Menschen dürfen an unseren kostenlosen Veranstaltungen teilnehmen, auch ohne etwas zu konsumieren“

 Das Hotel will sich auch durch neue Veranstaltungsformate mit dem Kiez connecten. Kostenlose Quizabende, ein Female Business Lunch und ein Mental Awareness Tuesday mit dem Überthema “Männliche Traumata” sollen regelmäßig stattfinden. Nicht nur Hotelgäst:innen sind zu diesen Veranstaltungen eingeladen. Immer wieder betont Ibrahim seine Kiezoffenheit. „Alle Menschen dürfen an unseren kostenlosen Veranstaltungen teilnehmen, auch ohne etwas zu konsumieren“, sagt Ibrahim. Wirklich alle Menschen? “Natürlich gibt es auch Grenzen der Offenheit und Gastfreundschaft”, sagt Ibrahim. „Jede:r ist im Hotel willkommen, solange das Miteinander respektiert wird und sich die Gemeinschaft sicher fühlt.”

Schlafsäcke dürfe man zum Beispiel nicht ausrollen und auch kein eigenes Essen mitbringen. Aufwärmen sei aber in Ordnung. „Die Herausforderungen im sozialen Umfeld des Kiezes, insbesondere die Drogenproblematik, beschäftigen uns sehr. Wir nehmen die Sorgen unserer Gäste:innen sehr ernst und sind hierzu im Austausch mit den lokalen Behörden“, sagt Ibrahim. Er meint damit eine Handvoll drogenabhängiger Menschen, die regelmäßig die „Vista Kontakt- und Anlaufstelle” für Menschen mit Suchtproblematik gegenüber des Hotels aufsuchen. Die konsumierenden Menschen wirkten abschreckend auf seine Gäst:innen, sagt er.

Mit Trüffelpasta, Maronensuppe, diversen Desserts und kreativen Aktivitäten geht die Party im lila und blau erleuchteten Atrium weiter. Es gibt eine mobile Beauty-Lounge, eine Lip-Balm-Station und  eine Fotostation (ein sich selbst drehender Selfiestick) sowie die Möglichkeit, Jutebeutel zu bemalen, die das Logo des Hotels zeigen. Marketing steht hier über allem.

Das ist nachvollziehbar. Die Leiter:innen haben viel in das neue Konzept – und die heutige Party – investiert. Früher hätte Mercure das ausgleichen können. Jetzt wird es wohl dauern, bis das Geld wieder drin ist. Das Ziel der Veranstaltung ist es also auch, aus den kostenfrei essenden und trinkenden Gäst:innen heute in Zukunft zahlende Gäst:innen zu machen. Bleibt zu hoffen, dass dann nicht jedes Mal der Direktor mit im Bett liegt.

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